Kolumba
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Joachim M. Plotzek
Rede zur Verabschiedung aus dem Amt
als Direktor von Kolumba

Rede gehalten auf der Feier zur Verabschiedung von Joachim M. Plotzek aus dem Amt als Direktor von Kolumba und zur Einführung seines Nachfolgers, Köln 22. April 2008

Meine verehrten Damen und Herren, liebe Freunde und Verwandte, schon jetzt wird eines deutlich: ich beende mein offizielles Berufsleben als ein glücklicher Mensch. Es gibt viele Gründe, das zu sein. Vor allem waren es Menschen, die mich das sein lassen. Als Kunsthistoriker und Museumsmann mitten im Arbeitsleben den Auftrag zu bekommen, eine Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst in Ergänzung zum alten Bestand eines Museums aufzubauen und einen Neubau für das Ganze zu planen, ist ein das Leben bestimmendes Geschenk, oder vielleicht zutreffender: eine große Chance, wie es ein vor einem liegendes leeres Blatt Papier ist: der erste Schritt zu einer Zeichnung oder auch einem Text entscheidet über Gelingen oder Misslingen. Im günstigen Fall setzt der spannende Anfang zu einem langen Weg ein, bei dem die begleitenden Weggefährten und mindestens so wichtig – die mitwirkenden Weggefährtinnen, den entscheidenden Anteil haben.

Vom Alltag dieser »Reise nach Kolumba« (das könnte beinahe ein Roman-Titel werden) möchte ich heute gar nicht erzählen; er war bunt und vielfältig und unterlag, um das Klima in diesem Haus zu umschreiben, einer höheren Mathematik, deren Logik es zuließ, dass, sagen wir einmal, von vier in einer bestimmten Sache stimmberechtigten bereits zwei merkwürdigerweise auf einen Anteil von 51% kamen – nach eigener Einschätzung freilich, aber doch von einer Gesamtheit wieder in wichtigen Entscheidungen klaglos akzeptiert. Solche Verfahrensweisen oder lieber möchte ich sagen: ein solches Miteinanderumgehen ist nur möglich, wenn ein Einverständnis der Beteiligten im Grundsätzlichen besteht und eine Begeisterung für die Sache lebendig bleibt und schließlich wenn Toleranz und Vertrauen und die Freiheit für Entscheidungen in der Trägerschaft einer solchen Institution gewährleistet sind.

Gerne erinnere ich mich an ein Bild, das Sie, Herr Dompropst, vor 18 Jahren als damaliger Generalvikar mir in Erinnerung riefen: man müsse, so sagten Sie, die Angel weit auswerfen, um gesteckte Ziele zu erreichen. Das leere weiße Blatt vor Augen bedeutet das auch: Mut zu haben im Weitblick auf ein Ziel. Das vielköpfige Team von Kolumba - und ich meine nicht die japanische Aussprache eines vierköpfigen Teams - alle hier Arbeitenden hatten und haben eine gute Portion davon. Die Entfaltung solcher Fähigkeiten war wiederum nur möglich im Wissen um ein verlässliches Getragensein durch unseren Kardinal. Das Interesse von Joachim Kardinal Meisner an der Kunst und speziell an »seinem« Kunstmuseum als einem ganz eigenwertigen Ort der Verkündigung gerade auch in Zeiten, in denen dem Haus der Wind aus welcher Richtung auch immer ins Gesicht blies, war und bleibt das Unterpfand für eine wirkungsvoll in die Öffentlichkeit hinein ausgerichtete Museumsarbeit. Sein Vertrauen in die Kompetenz der Berufenen ehrt uns gerade in schwierigen Situationen, macht uns glücklich und beflügelt unser schöpferisches Tun. Beflügelt haben uns die Freunde des Hauses, die Künstler, die Mäzene, die Sammler, die uns ihre Schätze überlassen haben; sie alle, von denen so viele hier sind, sind das Orchester in diesem Haus, das wir Kustoden nur ein wenig dirigieren. Und das macht großen Spaß.

Im Rückblick waren für mich die Jahre am Schnütgen-Museum mit den großen von Anton Legner verantworteten Ausstellungen eine Einübung in die spätere Tätigkeit. Und auch die etwa 8jährige Arbeit an den Handschriften der Sammlung Ludwig zusammen mit Dir, Anton, war im gelassenen Rückblick von heute eine Probe für die noch längere Entstehungszeit von Kolumba. Auf all das schaue ich mit großer Dankbarkeit an die daran Beteiligten zurück.

Erreicht ist ein Ort, an dem sich Kirche - aus meiner Sicht - in einer ganz eigenwertigen Weise in die Gesellschaft einbringt als ein Angebot dafür, was sie als Institution mit einer kulturtragenden Verantwortung auf der Höhe der Zeit heute über die Kunst der Vergangenheit und der Gegenwart den Menschen aus ihrer Sicht mitteilen und bewusst machen kann. Daraus ergibt sich die eigentliche Aufgabe von uns Museumsleuten – das vergisst man bisweilen in der täglich andrängenden Arbeit: die Vermittlung der Kunst. Alle anderen bewahrenden, erforschenden, vermehrenden Tätigkeiten münden in dieser Aufgabe. Sie ist ein zutiefst humaner Auftrag. Zum einen, weil mit der Kunst etwas vermittelt wird, das vermutlich das Persönlichste eines wie auch immer schöpferisch tätigen Menschen ist, und zum anderen, weil sie jeweils eine befragende, bereichernde, bewusst machende Botschaft an den Menschen richtet. Welches Glück bedeutet es deshalb für uns, dafür den in weit zurückreichender Geschichte verankerten Ort Kolumba mit seinem neuen Museumsgebäude von Dir, Peter, bekommen zu haben. Man erfährt hier die Dinge in einer ungewöhnlichen Intensität und in einer nicht leicht zu beschreibenden Erlebnisnähe. Sie hat wohl mit jener Nähe zu tun, die wir auch mit Liebe verbinden, der Liebe zu den Dingen, die uns nahe kommen und schon nahe sind. Ein Haus mit vieltönenden Resonanzräumen.

In dem bemerkenswerten Roman »Das Haus« von Mark Z. Danielewski erhält diese Qualität des Wechselspiels von Architektur und ihrem Innenleben ein poetisches Bild. Auf S. 67 dieses auch typographisch und in seiner inhaltlichen Tektonik außergewöhnlichen 800Seiten-Romans heißt es in einem kurzen Abschnitt über das Studium der architektonischen Akustik: »Und wo Echo nicht vorhanden ist, kann es auch keine Schilderung von Raum oder von Liebe geben.« Sie spüren, meine Damen und Herren, wie in dieser Sprache Metaebenen mitschwingen, die vergleichbar den Obertönen auch in der Musikalität dieses Hauses und seines Inhaltes zu erleben sind.

Nähe, Unmittelbarkeit: sie erscheinen mir als das Wesentliche im Umgang mit der Kunst. Sie kennen das: ein Geräusch, ein Ton, ein Duft, ein Bild – ohne Objektbeschriftung unerwartet und absichtslos wahrgenommen trifft uns aus heiterem Himmel (wie man so schön sagt) und wird zum »Sesam öffne dich!« in die Vergangenheit. Etwas weit Zurückliegendes wird uns in augenblicklicher Erinnerung wieder ganz nah. Dazu möchte ich Ihnen abschließend eine kurze persönliche Geschichte erzählen:

Im vergangenen Jahr erst stieß ich auf den 20 Jahre zuvor erschienen Roman von Keto von Waberer »Blaue Wasser für eine Schlacht«. Der Titel zitiert eine Zeile aus dem großen Gedicht Pablo Nerudas »Die Melancholie in den Familien« aus den frühen 30iger Jahren des vorigen Jahrhunderts und nimmt einen ähnlich metaphorischen Bezug auf den Inhalt des Romans wie die Abbildung auf dem Schutzumschlag. Sie zeigt ein Kentaurenpaar aus »Der Schlacht der Kentauren mit den Lapithen« des Florentiner Renaissancemalers Piero di Cosimo. Die Entdeckung führte mich augenblicklich ein halbes Jahrhundert zurück, als ich als Jugendlicher in einem Buch blätterte und auf dieses Bild stieß, das mich damals sehr berührte: eine wunderschöne, mit einem Blumenkranz und Geschmeide geschmückte junge Kentaurin trauert um ihren im Kampf gefallenen Geliebten, der in ihren Armen liegt. Im Nachdenken über das jugendliche Erlebnis schlossen sich sogleich weitere Erinnerungen aus späterer Zeit an: wie das Bild im Kunstgeschichtsstudium zu einer ikonographischen Befragung von Beweinungsszenen wurde, gerade auch im Hinblick auf eine mögliche Differenzierung zwischen religiös oder weltlich motivierten Eigenheiten. Und wieder später war es Teil von Überlegungen, in welcher Weise sich das menschliche Schönheitsideal des dolce stile nuovo des Quattrocento über eine solche Renaissancemalerei in den Manierismus hinein tradieren konnte. Für die Zukunft scheint mir ein anderer Aspekt der Beachtung drängend würdig: Kentauren und Lapithen sind über Jahrtausende Geschöpfe der Phantasie gewesen, mit denen sich der Mensch Parabeln über sein Selbstverständnis geschaffen hat. Halb Mensch, halb Tier füllten sie als Fabelwesen ein Vakuum der erlebbaren Wirklichkeit mit Geschichten, in deren Erzählen der Mensch zu sich selber fand. Mit der Nachricht britischer Wissenschaftler zu Anfang dieses Monats, Mischlebewesen mit Anteilen des Menschen künstlich erzeugt zu haben, schrumpft unsere Wirklichkeit durch die Möglichkeit des Machbaren zu einer hybriden Realität.

Der Grund, warum ich Ihnen, meine verehrten Damen und Herren, von diesem Bild heute erzähle, ist natürlich noch ein ganz anderer. Es gibt mir nämlich Gelegenheit, meinen Dank an alle, die mich in diesen Berufsjahren begleitet haben, auf eine Weise auszudrücken, die mir gefallen könnte, die aber – das gebe ich zu – etwas aus der Mode gekommen ist. Der 1462 geborene Maler des Kentaurenbildes Piero di Cosimo hieß eigentlich Piero di Lorenzo. Er ist bekannt für seine Madonnenbilder, aber auch seine profanen Mythologien; als Zeichen seiner Verehrung nannte er sich nach seinem Lehrer Cosimo Roselli, in dessen Fresken in der Sixtinischen Kapelle er 1481/82 die Landschaften übernahm. Ein schöner Brauch, wie ich finde, und, da ich viele Menschen als meine Lehrer empfinde, bekäme ich endlich einen klingenden Namen: Gioacchino d’Ermanno, Gioacchino di Pietro in Verehrung der ersten Lehrer Hermann Schnitzler und Peter Bloch; Gioacchino d’Antonio – d’Antonio – d’Antonio: es gab so viele Anton und Antonio in dieser Zeit, dass sich die Verehrungsformel zu einem eigenen literarischen Gebilde verselbständigen würde, Gioacchino di Norberto, Gioacchino di Domenico; Gioacchino di Gioacchino: wer das wohl ist? Gioacchino di Stefano, di Marco a auch junge Menschen konnten mir Lehrer sein; und dann endlich, wie es sich in einer richtigen Litanei gehört, kommen auch irgendwann die Frauen mit ihren strahlenden Namen: Gioacchino di Monica, di Barbara, di Katharina, di Renata, d’Ulrica, di Vera, d’Anja, di Dagmar und viele, viele andere – und irgendwo und immer wieder taucht eine Giselle auf; aber Sie hören schon am Klang, meine Damen und Herren, das ist dann eine ganz andere Geschichte. Und nun noch ein Letztes: seitdem Kolumba eröffnet ist, habe ich mehrmals die Bemerkung von Besuchern gehört, wir hätten eine mit dem Ort identische Sprache der Vermittlung gefunden. Für mich ist das eine der schönsten Reaktionen auf unsere Arbeit an diesem Haus. Denn Sie umschreibt ein angestrebtes Ziel: man selbst zu sein in seinem Tun und darin aufzugehen. Auch das hat wieder mit Nähe zu tun. Deshalb werden Sie, meine verehrten Damen und Herren, mein Abschiedsbild verstehen, das ich Ihrer Imagination anheimgebe: der jahrtausendealte Versuch, unsere Wirklichkeit, die Natur, mit augentäuschendem Schein im Bild wiederzugeben oder gar zu übertreffen, führte einmal zu einem Wettstreit zweier berühmter chinesischer Maler: der eine malte das Meer, und man spürte geradezu den Wind über den sich kräuselnden Wogen und roch den Salzduft des Wassers, der andere malte ein Boot auf die Wellen, und das war so nah und greifbar gegenständlich, daß sich wiederum der erstere sein eigenes Porträt von größter Identität hineinmalte, einstieg und fortfuhr: ein magischer Augenblick.

Bevor ich nun dieserart abreise, möchte ich eines noch voller Begeisterung sagen: nämlich wie sehr ich mich über die getroffene Wahl der Nachfolge freue. Sie haben sich, Herr Generalvikar, nicht nur für einen sehr guten, sondern für den Besten entschieden und dem Herrn Kardinal zur Berufung vorgeschlagen – und Stefan Kraus hat zugesagt. Mit ihm ist auch gewährleistet, dass das übrige Team zusammenbleibt und eine Kontinuität in die Zukunft trägt, die wohl, so möchte ich es umschreiben, in einer virulenten Weiterentwicklung des gemeinsam Begonnenen liegt. Lieber Stefan, im Wissen, wie sehr Dir Kolumba am Herzen liegt, wünsche ich Dir mit dem ganzen Museumsteam eine glückliche Hand in allen Dingen, auf dass Du Dich später einmal so beschenkt fühlst, wie ich es heute mit großer Dankbarkeit empfinde.

© Kolumba/ Joachim M. Plotzek 2008
Veröffentlichung – auch auszugsweise – nur mit Quellenangabe
 

 
www.kolumba.de

KOLUMBA :: Texte :: Zur Verabschiedung (2008)

Joachim M. Plotzek
Rede zur Verabschiedung aus dem Amt
als Direktor von Kolumba

Rede gehalten auf der Feier zur Verabschiedung von Joachim M. Plotzek aus dem Amt als Direktor von Kolumba und zur Einführung seines Nachfolgers, Köln 22. April 2008

Meine verehrten Damen und Herren, liebe Freunde und Verwandte, schon jetzt wird eines deutlich: ich beende mein offizielles Berufsleben als ein glücklicher Mensch. Es gibt viele Gründe, das zu sein. Vor allem waren es Menschen, die mich das sein lassen. Als Kunsthistoriker und Museumsmann mitten im Arbeitsleben den Auftrag zu bekommen, eine Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst in Ergänzung zum alten Bestand eines Museums aufzubauen und einen Neubau für das Ganze zu planen, ist ein das Leben bestimmendes Geschenk, oder vielleicht zutreffender: eine große Chance, wie es ein vor einem liegendes leeres Blatt Papier ist: der erste Schritt zu einer Zeichnung oder auch einem Text entscheidet über Gelingen oder Misslingen. Im günstigen Fall setzt der spannende Anfang zu einem langen Weg ein, bei dem die begleitenden Weggefährten und mindestens so wichtig – die mitwirkenden Weggefährtinnen, den entscheidenden Anteil haben.

Vom Alltag dieser »Reise nach Kolumba« (das könnte beinahe ein Roman-Titel werden) möchte ich heute gar nicht erzählen; er war bunt und vielfältig und unterlag, um das Klima in diesem Haus zu umschreiben, einer höheren Mathematik, deren Logik es zuließ, dass, sagen wir einmal, von vier in einer bestimmten Sache stimmberechtigten bereits zwei merkwürdigerweise auf einen Anteil von 51% kamen – nach eigener Einschätzung freilich, aber doch von einer Gesamtheit wieder in wichtigen Entscheidungen klaglos akzeptiert. Solche Verfahrensweisen oder lieber möchte ich sagen: ein solches Miteinanderumgehen ist nur möglich, wenn ein Einverständnis der Beteiligten im Grundsätzlichen besteht und eine Begeisterung für die Sache lebendig bleibt und schließlich wenn Toleranz und Vertrauen und die Freiheit für Entscheidungen in der Trägerschaft einer solchen Institution gewährleistet sind.

Gerne erinnere ich mich an ein Bild, das Sie, Herr Dompropst, vor 18 Jahren als damaliger Generalvikar mir in Erinnerung riefen: man müsse, so sagten Sie, die Angel weit auswerfen, um gesteckte Ziele zu erreichen. Das leere weiße Blatt vor Augen bedeutet das auch: Mut zu haben im Weitblick auf ein Ziel. Das vielköpfige Team von Kolumba - und ich meine nicht die japanische Aussprache eines vierköpfigen Teams - alle hier Arbeitenden hatten und haben eine gute Portion davon. Die Entfaltung solcher Fähigkeiten war wiederum nur möglich im Wissen um ein verlässliches Getragensein durch unseren Kardinal. Das Interesse von Joachim Kardinal Meisner an der Kunst und speziell an »seinem« Kunstmuseum als einem ganz eigenwertigen Ort der Verkündigung gerade auch in Zeiten, in denen dem Haus der Wind aus welcher Richtung auch immer ins Gesicht blies, war und bleibt das Unterpfand für eine wirkungsvoll in die Öffentlichkeit hinein ausgerichtete Museumsarbeit. Sein Vertrauen in die Kompetenz der Berufenen ehrt uns gerade in schwierigen Situationen, macht uns glücklich und beflügelt unser schöpferisches Tun. Beflügelt haben uns die Freunde des Hauses, die Künstler, die Mäzene, die Sammler, die uns ihre Schätze überlassen haben; sie alle, von denen so viele hier sind, sind das Orchester in diesem Haus, das wir Kustoden nur ein wenig dirigieren. Und das macht großen Spaß.

Im Rückblick waren für mich die Jahre am Schnütgen-Museum mit den großen von Anton Legner verantworteten Ausstellungen eine Einübung in die spätere Tätigkeit. Und auch die etwa 8jährige Arbeit an den Handschriften der Sammlung Ludwig zusammen mit Dir, Anton, war im gelassenen Rückblick von heute eine Probe für die noch längere Entstehungszeit von Kolumba. Auf all das schaue ich mit großer Dankbarkeit an die daran Beteiligten zurück.

Erreicht ist ein Ort, an dem sich Kirche - aus meiner Sicht - in einer ganz eigenwertigen Weise in die Gesellschaft einbringt als ein Angebot dafür, was sie als Institution mit einer kulturtragenden Verantwortung auf der Höhe der Zeit heute über die Kunst der Vergangenheit und der Gegenwart den Menschen aus ihrer Sicht mitteilen und bewusst machen kann. Daraus ergibt sich die eigentliche Aufgabe von uns Museumsleuten – das vergisst man bisweilen in der täglich andrängenden Arbeit: die Vermittlung der Kunst. Alle anderen bewahrenden, erforschenden, vermehrenden Tätigkeiten münden in dieser Aufgabe. Sie ist ein zutiefst humaner Auftrag. Zum einen, weil mit der Kunst etwas vermittelt wird, das vermutlich das Persönlichste eines wie auch immer schöpferisch tätigen Menschen ist, und zum anderen, weil sie jeweils eine befragende, bereichernde, bewusst machende Botschaft an den Menschen richtet. Welches Glück bedeutet es deshalb für uns, dafür den in weit zurückreichender Geschichte verankerten Ort Kolumba mit seinem neuen Museumsgebäude von Dir, Peter, bekommen zu haben. Man erfährt hier die Dinge in einer ungewöhnlichen Intensität und in einer nicht leicht zu beschreibenden Erlebnisnähe. Sie hat wohl mit jener Nähe zu tun, die wir auch mit Liebe verbinden, der Liebe zu den Dingen, die uns nahe kommen und schon nahe sind. Ein Haus mit vieltönenden Resonanzräumen.

In dem bemerkenswerten Roman »Das Haus« von Mark Z. Danielewski erhält diese Qualität des Wechselspiels von Architektur und ihrem Innenleben ein poetisches Bild. Auf S. 67 dieses auch typographisch und in seiner inhaltlichen Tektonik außergewöhnlichen 800Seiten-Romans heißt es in einem kurzen Abschnitt über das Studium der architektonischen Akustik: »Und wo Echo nicht vorhanden ist, kann es auch keine Schilderung von Raum oder von Liebe geben.« Sie spüren, meine Damen und Herren, wie in dieser Sprache Metaebenen mitschwingen, die vergleichbar den Obertönen auch in der Musikalität dieses Hauses und seines Inhaltes zu erleben sind.

Nähe, Unmittelbarkeit: sie erscheinen mir als das Wesentliche im Umgang mit der Kunst. Sie kennen das: ein Geräusch, ein Ton, ein Duft, ein Bild – ohne Objektbeschriftung unerwartet und absichtslos wahrgenommen trifft uns aus heiterem Himmel (wie man so schön sagt) und wird zum »Sesam öffne dich!« in die Vergangenheit. Etwas weit Zurückliegendes wird uns in augenblicklicher Erinnerung wieder ganz nah. Dazu möchte ich Ihnen abschließend eine kurze persönliche Geschichte erzählen:

Im vergangenen Jahr erst stieß ich auf den 20 Jahre zuvor erschienen Roman von Keto von Waberer »Blaue Wasser für eine Schlacht«. Der Titel zitiert eine Zeile aus dem großen Gedicht Pablo Nerudas »Die Melancholie in den Familien« aus den frühen 30iger Jahren des vorigen Jahrhunderts und nimmt einen ähnlich metaphorischen Bezug auf den Inhalt des Romans wie die Abbildung auf dem Schutzumschlag. Sie zeigt ein Kentaurenpaar aus »Der Schlacht der Kentauren mit den Lapithen« des Florentiner Renaissancemalers Piero di Cosimo. Die Entdeckung führte mich augenblicklich ein halbes Jahrhundert zurück, als ich als Jugendlicher in einem Buch blätterte und auf dieses Bild stieß, das mich damals sehr berührte: eine wunderschöne, mit einem Blumenkranz und Geschmeide geschmückte junge Kentaurin trauert um ihren im Kampf gefallenen Geliebten, der in ihren Armen liegt. Im Nachdenken über das jugendliche Erlebnis schlossen sich sogleich weitere Erinnerungen aus späterer Zeit an: wie das Bild im Kunstgeschichtsstudium zu einer ikonographischen Befragung von Beweinungsszenen wurde, gerade auch im Hinblick auf eine mögliche Differenzierung zwischen religiös oder weltlich motivierten Eigenheiten. Und wieder später war es Teil von Überlegungen, in welcher Weise sich das menschliche Schönheitsideal des dolce stile nuovo des Quattrocento über eine solche Renaissancemalerei in den Manierismus hinein tradieren konnte. Für die Zukunft scheint mir ein anderer Aspekt der Beachtung drängend würdig: Kentauren und Lapithen sind über Jahrtausende Geschöpfe der Phantasie gewesen, mit denen sich der Mensch Parabeln über sein Selbstverständnis geschaffen hat. Halb Mensch, halb Tier füllten sie als Fabelwesen ein Vakuum der erlebbaren Wirklichkeit mit Geschichten, in deren Erzählen der Mensch zu sich selber fand. Mit der Nachricht britischer Wissenschaftler zu Anfang dieses Monats, Mischlebewesen mit Anteilen des Menschen künstlich erzeugt zu haben, schrumpft unsere Wirklichkeit durch die Möglichkeit des Machbaren zu einer hybriden Realität.

Der Grund, warum ich Ihnen, meine verehrten Damen und Herren, von diesem Bild heute erzähle, ist natürlich noch ein ganz anderer. Es gibt mir nämlich Gelegenheit, meinen Dank an alle, die mich in diesen Berufsjahren begleitet haben, auf eine Weise auszudrücken, die mir gefallen könnte, die aber – das gebe ich zu – etwas aus der Mode gekommen ist. Der 1462 geborene Maler des Kentaurenbildes Piero di Cosimo hieß eigentlich Piero di Lorenzo. Er ist bekannt für seine Madonnenbilder, aber auch seine profanen Mythologien; als Zeichen seiner Verehrung nannte er sich nach seinem Lehrer Cosimo Roselli, in dessen Fresken in der Sixtinischen Kapelle er 1481/82 die Landschaften übernahm. Ein schöner Brauch, wie ich finde, und, da ich viele Menschen als meine Lehrer empfinde, bekäme ich endlich einen klingenden Namen: Gioacchino d’Ermanno, Gioacchino di Pietro in Verehrung der ersten Lehrer Hermann Schnitzler und Peter Bloch; Gioacchino d’Antonio – d’Antonio – d’Antonio: es gab so viele Anton und Antonio in dieser Zeit, dass sich die Verehrungsformel zu einem eigenen literarischen Gebilde verselbständigen würde, Gioacchino di Norberto, Gioacchino di Domenico; Gioacchino di Gioacchino: wer das wohl ist? Gioacchino di Stefano, di Marco a auch junge Menschen konnten mir Lehrer sein; und dann endlich, wie es sich in einer richtigen Litanei gehört, kommen auch irgendwann die Frauen mit ihren strahlenden Namen: Gioacchino di Monica, di Barbara, di Katharina, di Renata, d’Ulrica, di Vera, d’Anja, di Dagmar und viele, viele andere – und irgendwo und immer wieder taucht eine Giselle auf; aber Sie hören schon am Klang, meine Damen und Herren, das ist dann eine ganz andere Geschichte. Und nun noch ein Letztes: seitdem Kolumba eröffnet ist, habe ich mehrmals die Bemerkung von Besuchern gehört, wir hätten eine mit dem Ort identische Sprache der Vermittlung gefunden. Für mich ist das eine der schönsten Reaktionen auf unsere Arbeit an diesem Haus. Denn Sie umschreibt ein angestrebtes Ziel: man selbst zu sein in seinem Tun und darin aufzugehen. Auch das hat wieder mit Nähe zu tun. Deshalb werden Sie, meine verehrten Damen und Herren, mein Abschiedsbild verstehen, das ich Ihrer Imagination anheimgebe: der jahrtausendealte Versuch, unsere Wirklichkeit, die Natur, mit augentäuschendem Schein im Bild wiederzugeben oder gar zu übertreffen, führte einmal zu einem Wettstreit zweier berühmter chinesischer Maler: der eine malte das Meer, und man spürte geradezu den Wind über den sich kräuselnden Wogen und roch den Salzduft des Wassers, der andere malte ein Boot auf die Wellen, und das war so nah und greifbar gegenständlich, daß sich wiederum der erstere sein eigenes Porträt von größter Identität hineinmalte, einstieg und fortfuhr: ein magischer Augenblick.

Bevor ich nun dieserart abreise, möchte ich eines noch voller Begeisterung sagen: nämlich wie sehr ich mich über die getroffene Wahl der Nachfolge freue. Sie haben sich, Herr Generalvikar, nicht nur für einen sehr guten, sondern für den Besten entschieden und dem Herrn Kardinal zur Berufung vorgeschlagen – und Stefan Kraus hat zugesagt. Mit ihm ist auch gewährleistet, dass das übrige Team zusammenbleibt und eine Kontinuität in die Zukunft trägt, die wohl, so möchte ich es umschreiben, in einer virulenten Weiterentwicklung des gemeinsam Begonnenen liegt. Lieber Stefan, im Wissen, wie sehr Dir Kolumba am Herzen liegt, wünsche ich Dir mit dem ganzen Museumsteam eine glückliche Hand in allen Dingen, auf dass Du Dich später einmal so beschenkt fühlst, wie ich es heute mit großer Dankbarkeit empfinde.

© Kolumba/ Joachim M. Plotzek 2008
Veröffentlichung – auch auszugsweise – nur mit Quellenangabe