Kolumba
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»Der erste hat herunterhängende Mundwinkel wie Angela Merkel, der zweite einen Überbiss, der dritte träumt vor sich hin, und der vierte mit seinem buschigen Schnäuzer kommt ein wenig mürrisch rüber. "Die Vier Gekrönten" zierten einmal das Grabmal des Kölner Dombaumeisters Nikolaus von Bueren. Diese Schutzheiligen der Steinmetze und Bildhauer waren damals, im 15. Jahrhundert, ein denkbar progressives Kunstwerk, denn alle vier wurden als unverwechselbare Persönlichkeiten dargestellt. Damit ist die frisch restaurierte Figurengruppe "Die Vier Gekrönten" der ideale Aufhänger für die neue Jahresausstellung des Kölner Kolumba-Museums mit dem Titel "Über das Individuum". | Für Direktor Dr. Stefan Kraus ist die Jubiläumsausstellung auch politisch zu verstehen. In einer Zeit, wo die Freiheit des Individuums an vielen Orten dieser Welt eingeschränkt wird, könne ein Kunstmuseum nicht im luftleeren Raum arbeiten. Die Terroranschläge und die vielen Menschen auf der Flucht, die keine individuellen Entscheidungsspielräume mehr haben, sowie die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich sind ein Angriff auf diese Freiheit. Es sei die Aufgabe der Kunst, so Direktor Kraus, ein Gegenbild zu schaffen, "ein Bild, das das Individuum weder durch Geld, noch durch Luxus oder durch Macht, verbunden mit Machtmissbrauch, und auch nicht durch den neusten Klingelton oder das tollste Auto definiert, sondern auf die psychischen, geistigen, spirituellen und transzendenten Belange des Menschen hinweist." | Das mehrfach preisgekrönte Kunstmuseum des Erzbistums Köln verbindet auch in seiner Jubiläumsausstellung seinen hochklassigen Bestand an alter Sakralkunst auf anregende Weise mit moderner Kunst. Die in der Ausstellung "Me in a no-time state (in etwa: Ich in einem Nicht-Zeit-Zustand)" gezeigten Kunstwerke vom 6. bis zum 21. Jahrhundert spielen abwechslungsreich und vieldeutig mit dem Begriff des Individuums. Gleich zu Beginn der Ausstellung im Foyer werden die Besucher von Robotern aus der Sammlung Krimhild Becker empfangen, die einen Hinweis auf die Entindividualisierung unseres Alltags andeuten. | In den 50 Videoporträts von Kurt Benning erzählen unter anderen ein Schriftsteller, ein Autoverkäufer oder eine Lehrerin eine Stunde lang ungekürzt über ihr Leben. Beziehungsreich werden im Armarium künstlerisch gestalteter Schmuck von heute und kunstvoll gefertigten Rosenkränzen von früher in Verbindung mit koptischen Textilien ausgestellt. Zudem sind Andachtsbildchen, Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen, Rauminstallationen und Videokunst unter anderen von Stephan Baumkötter, Krimhild Becker, Michael Kalmbach, Eugene Leroy und Stefan Wewerka zu sehen.« (Birgitt Schippers, Das rätselhafte Ich, domradio, 13.9.2017)

»Totenköpfe, eine Zeichnung von einem Froschskelett oder kleine weiße Büsten - die Wände, Regale und der Boden sind mit Skurrilitäten geschmückt. Der Raum im Diözesanmuseum Kolumba in Köln wirkt wie eine Wunderkammer. Er beschäftigt sich mit dem Thema Tod und Leben in verschiedener Weise - eine Installation der Kölner Künstlerin Krimhild Becker. In dem Ambiente verbinden sich Natur und Kunst, Ernstes und Heiteres. Kunst und Kitsch werden nicht voneinander getrennt. Das Werk ist Teil der Ausstellung „Noli me tangere - berühre mich nicht, halte mich nicht fest“, die ab Mittwoch ihre Pforten öffnet. „Einmal im Jahr wird das Kolumba zu einem neuen Museum“, sagt der Direktor Stefan Kraus. Es wechselt seine Exponate und etabliert ein neues Thema. In der neuen Schau geht es um den Umgang mit Nähe und Distanz, Respekt und Begehren, Begegnung und Verlust. Die Ausstellung wird nur mit Werken aus der eigenen Sammlung bespielt. Im Mittelpunkt dieser Ausstellung steht ein mittelalterlicher Flügelaltar aus dem Jahr 1449; diesen Heilig-Geist Altar hatte das Museum im vergangenen Jahr erworben. Die bewusst nicht ausgefüllte Mitte des Altars deutet Kraus als ein Fehlen des Körpers. „Über diesen Körperverlust kamen wir schnell zu Maria Magdalena, die das leere Grab Jesu findet“, fügt Kraus an. Ihre Sehnsucht nach körperlicher Nähe und der Verlust des geliebten Menschen waren ausschlaggebend für den Titel. „Noli me tangere“ sagt Jesus zu Maria Magdalena im Johannesevangelium; erst da erkennt sie die Anwesenheit des Herrn. Berühre mich nicht, halte mich nicht fest - das sind zwei Lesarten und bilden den Hintergrund der Ausstellung. Die Schau, die auch von der zu bewahrenden Unversehrtheit des Individuums handelt, habe durch die Debatte um sexuellen Missbrauch im Bereich der Kirche eine eigene Brisanz erhalten, so Kraus. In 19 Rauminstallationen wird auf drei Ebenen mit Kunstwerken aus 2 Jahrtausenden zum Nachdenken über dieses Thema angeregt. Gleich zu Beginn der Schau ereilt den Besucher das Bedürfnis der Berührung - in Anbetracht des Gemäldes von Michael Toenges. Es besticht durch Sinnlichkeit, Plastizität und einer kultivierten Farbigkeit, gemalt mit Pinseln, Spachteln und den Händen selbst. Auch im Kunstwerk von Bernhard Leitner im Obergeschoss wird Kunst körperlich erfahrbar. Pulsierende Stille„ heißt seine „TonRaumSkulptur“. Der Österreicher ist ein Pionier der Klangskulptur, die er seit den späten 1960er Jahren erdacht, experimentell entwickelt und schließlich zu einer eigenen Kunstgattung geführt hat. Nach außen hin als geräuschlose minimalistische Skulptur erscheinend, erfährt sich der Zuhörer im Inneren des Werkes als Teil eines irritierenden Klangkörpers. „Die Zartheit im Inneren berührt den Körper“, so Kraus. Einen Sammlungsschwerpunkt des Museums bildet das Werk des Amerikaners Paul Thek. In vier Versionen existiert die als „Fishman“ betitelte Skulptur, die zweite wird erstmals im Kolumba gezeigt. Auf dem Boden liegend und mit Fischen bedeckt blickt die Figur auf eine Installation von Jannis Kounellis: Eine blattvergoldete Wand, vor der ein Garderobenständer mit Mantel und Hut steht - „Tragedia civile“, bürgerliche Tragödie, heißt das Werk. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes steht in der Ecke auf einem Pult ein Foliant, der täglich umgeblättert wird. Er stammt aus dem Nachlass von Krimhild Becker, die ebenfalls täglich eine neue Seite aufschlug. Das Buch steht unmittelbar vor ihrer Rauminstallation und bildet den Eintritt in ihre Wunderkammer, in der - wie auch sonst - nichts angefasst werden darf. Aber die Chancen, berührt herauszugehen, sind sehr hoch.« (Birgitt Schippers, Körperliche Kunst im Kolumba. Ausstellung über Nähe und Distanz im Kölner Diözesanmuseum, domradio, 15.9.2010)
 

 
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»Der erste hat herunterhängende Mundwinkel wie Angela Merkel, der zweite einen Überbiss, der dritte träumt vor sich hin, und der vierte mit seinem buschigen Schnäuzer kommt ein wenig mürrisch rüber. "Die Vier Gekrönten" zierten einmal das Grabmal des Kölner Dombaumeisters Nikolaus von Bueren. Diese Schutzheiligen der Steinmetze und Bildhauer waren damals, im 15. Jahrhundert, ein denkbar progressives Kunstwerk, denn alle vier wurden als unverwechselbare Persönlichkeiten dargestellt. Damit ist die frisch restaurierte Figurengruppe "Die Vier Gekrönten" der ideale Aufhänger für die neue Jahresausstellung des Kölner Kolumba-Museums mit dem Titel "Über das Individuum". | Für Direktor Dr. Stefan Kraus ist die Jubiläumsausstellung auch politisch zu verstehen. In einer Zeit, wo die Freiheit des Individuums an vielen Orten dieser Welt eingeschränkt wird, könne ein Kunstmuseum nicht im luftleeren Raum arbeiten. Die Terroranschläge und die vielen Menschen auf der Flucht, die keine individuellen Entscheidungsspielräume mehr haben, sowie die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich sind ein Angriff auf diese Freiheit. Es sei die Aufgabe der Kunst, so Direktor Kraus, ein Gegenbild zu schaffen, "ein Bild, das das Individuum weder durch Geld, noch durch Luxus oder durch Macht, verbunden mit Machtmissbrauch, und auch nicht durch den neusten Klingelton oder das tollste Auto definiert, sondern auf die psychischen, geistigen, spirituellen und transzendenten Belange des Menschen hinweist." | Das mehrfach preisgekrönte Kunstmuseum des Erzbistums Köln verbindet auch in seiner Jubiläumsausstellung seinen hochklassigen Bestand an alter Sakralkunst auf anregende Weise mit moderner Kunst. Die in der Ausstellung "Me in a no-time state (in etwa: Ich in einem Nicht-Zeit-Zustand)" gezeigten Kunstwerke vom 6. bis zum 21. Jahrhundert spielen abwechslungsreich und vieldeutig mit dem Begriff des Individuums. Gleich zu Beginn der Ausstellung im Foyer werden die Besucher von Robotern aus der Sammlung Krimhild Becker empfangen, die einen Hinweis auf die Entindividualisierung unseres Alltags andeuten. | In den 50 Videoporträts von Kurt Benning erzählen unter anderen ein Schriftsteller, ein Autoverkäufer oder eine Lehrerin eine Stunde lang ungekürzt über ihr Leben. Beziehungsreich werden im Armarium künstlerisch gestalteter Schmuck von heute und kunstvoll gefertigten Rosenkränzen von früher in Verbindung mit koptischen Textilien ausgestellt. Zudem sind Andachtsbildchen, Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen, Rauminstallationen und Videokunst unter anderen von Stephan Baumkötter, Krimhild Becker, Michael Kalmbach, Eugene Leroy und Stefan Wewerka zu sehen.« (Birgitt Schippers, Das rätselhafte Ich, domradio, 13.9.2017)

»Totenköpfe, eine Zeichnung von einem Froschskelett oder kleine weiße Büsten - die Wände, Regale und der Boden sind mit Skurrilitäten geschmückt. Der Raum im Diözesanmuseum Kolumba in Köln wirkt wie eine Wunderkammer. Er beschäftigt sich mit dem Thema Tod und Leben in verschiedener Weise - eine Installation der Kölner Künstlerin Krimhild Becker. In dem Ambiente verbinden sich Natur und Kunst, Ernstes und Heiteres. Kunst und Kitsch werden nicht voneinander getrennt. Das Werk ist Teil der Ausstellung „Noli me tangere - berühre mich nicht, halte mich nicht fest“, die ab Mittwoch ihre Pforten öffnet. „Einmal im Jahr wird das Kolumba zu einem neuen Museum“, sagt der Direktor Stefan Kraus. Es wechselt seine Exponate und etabliert ein neues Thema. In der neuen Schau geht es um den Umgang mit Nähe und Distanz, Respekt und Begehren, Begegnung und Verlust. Die Ausstellung wird nur mit Werken aus der eigenen Sammlung bespielt. Im Mittelpunkt dieser Ausstellung steht ein mittelalterlicher Flügelaltar aus dem Jahr 1449; diesen Heilig-Geist Altar hatte das Museum im vergangenen Jahr erworben. Die bewusst nicht ausgefüllte Mitte des Altars deutet Kraus als ein Fehlen des Körpers. „Über diesen Körperverlust kamen wir schnell zu Maria Magdalena, die das leere Grab Jesu findet“, fügt Kraus an. Ihre Sehnsucht nach körperlicher Nähe und der Verlust des geliebten Menschen waren ausschlaggebend für den Titel. „Noli me tangere“ sagt Jesus zu Maria Magdalena im Johannesevangelium; erst da erkennt sie die Anwesenheit des Herrn. Berühre mich nicht, halte mich nicht fest - das sind zwei Lesarten und bilden den Hintergrund der Ausstellung. Die Schau, die auch von der zu bewahrenden Unversehrtheit des Individuums handelt, habe durch die Debatte um sexuellen Missbrauch im Bereich der Kirche eine eigene Brisanz erhalten, so Kraus. In 19 Rauminstallationen wird auf drei Ebenen mit Kunstwerken aus 2 Jahrtausenden zum Nachdenken über dieses Thema angeregt. Gleich zu Beginn der Schau ereilt den Besucher das Bedürfnis der Berührung - in Anbetracht des Gemäldes von Michael Toenges. Es besticht durch Sinnlichkeit, Plastizität und einer kultivierten Farbigkeit, gemalt mit Pinseln, Spachteln und den Händen selbst. Auch im Kunstwerk von Bernhard Leitner im Obergeschoss wird Kunst körperlich erfahrbar. Pulsierende Stille„ heißt seine „TonRaumSkulptur“. Der Österreicher ist ein Pionier der Klangskulptur, die er seit den späten 1960er Jahren erdacht, experimentell entwickelt und schließlich zu einer eigenen Kunstgattung geführt hat. Nach außen hin als geräuschlose minimalistische Skulptur erscheinend, erfährt sich der Zuhörer im Inneren des Werkes als Teil eines irritierenden Klangkörpers. „Die Zartheit im Inneren berührt den Körper“, so Kraus. Einen Sammlungsschwerpunkt des Museums bildet das Werk des Amerikaners Paul Thek. In vier Versionen existiert die als „Fishman“ betitelte Skulptur, die zweite wird erstmals im Kolumba gezeigt. Auf dem Boden liegend und mit Fischen bedeckt blickt die Figur auf eine Installation von Jannis Kounellis: Eine blattvergoldete Wand, vor der ein Garderobenständer mit Mantel und Hut steht - „Tragedia civile“, bürgerliche Tragödie, heißt das Werk. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes steht in der Ecke auf einem Pult ein Foliant, der täglich umgeblättert wird. Er stammt aus dem Nachlass von Krimhild Becker, die ebenfalls täglich eine neue Seite aufschlug. Das Buch steht unmittelbar vor ihrer Rauminstallation und bildet den Eintritt in ihre Wunderkammer, in der - wie auch sonst - nichts angefasst werden darf. Aber die Chancen, berührt herauszugehen, sind sehr hoch.« (Birgitt Schippers, Körperliche Kunst im Kolumba. Ausstellung über Nähe und Distanz im Kölner Diözesanmuseum, domradio, 15.9.2010)