Kolumba
Kolumbastraße 4
D-50667 Köln
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»Das Gold blendet, die Edelsteine funkeln dem Erzbischof zu Ehren. Zum Glück ist der hochwürdige Herr Anno II. schon seit ein paar Jahrhunderten tot. Heutigen franziskanischen Armutsidealmaßen entspricht sein Schrein nicht. Doch diese Opulenz ist kein Skandal, der vertuscht werden muss; sie ist Kunst, die man getrost herzeigen kann. Und wie Kolumba, das Diözesanmuseum des Erzbistums Köln, sie herzeigt! Gleich mehrere glänzende Schreine stehen in einem Raum beieinander, darunter als Prunkstück nämlicher Anno-Schrein aus Siegburg. Anno soll zu Lebzeiten, wie man im Rheinland sagt, ein „fieser Möpp“ gewesen sein, ein unleidlicher Mensch. Der wenig edle Charakter verschwindet in der edlen Truhe. Es dürfte umstrittene Würdenträger trösten, dass gerade ihnen die unbestritten besten Goldschmiedekünste zuteilwerden. Die neue Jahresausstellung des Kolumba heißt „zeigen verhüllen verbergen. Schrein“. Asketisch verzichtet der Titel auf fast alle Satzzeichen. Ist das schon ein Kniefall vor der neuen Bescheidenheit? Man kann die Schau durchaus kirchenpolitisch wenden: Franziskus zeigte bisher wenig Sinn für Glanz und Gloria. Hochgewachsene Monstranzen sind für ihn kein Zeugnis eines tiefen Glaubens. In Köln versteckt man die alte Pracht trotzdem nicht schamhaft, bloß weil der Papst gewechselt hat. Über dem Bischofsstab mit Elfenbein, den schweren Vortragekreuzen und den wuchtigen Monstranzen liegt ein Hauch von Wehmut. So gülden wie zu Annos Zeiten wird es wohl vorläufig nimmermehr in der Kirche. Wer durch deutsche Museen flaniert, gehört zu jenen Geschöpfen, die im Predigtjargon „der moderne Mensch“ heißen: Diese Kulturkonsumenten sind intellektuell diskursfähig, spirituell suchend und habituell stilsicher. Vor allem haben sie sich daran gewöhnt, dass ständig irgendein Kurator ihre „Sehgewohnheiten aufbrechen will“. Das Team von Kolumba Chef Stefan Kraus spielt todernst mit diesem Anspruch. Zu Beginn der Ausstellung stolpert der Besucher über einen Geldschrank mit halb offener Tür. Der Lack ist ab, Dagobert Ducks Goldtaler birgt er nicht. Die Lehman Brothers lassen grüßen. Geld ist offenbar doch nicht alles im Herrschaftsbereich von Glaube, Liebe und Hoffnung. Aber ohne Geld? Kolumba, entworfen vom Stararchitekten Peter Zumthor, ist jedenfalls kein Billig-Bau. Eine Treppe höher der nächste Stolperer: Ein großer brauner Container rauscht vor sich hin. Sein Schöpfer Thomas Rentmeister legt den Inhalt ins Auge des Betrachters. Eine Baubude könnte es sein, ein mobiles Atelier, eine Notunterkunft für syrische Flüchtlinge. Der Ventilator surrt dazu und verweigert die Antwort. Einige Schritte weiter öffnen die Kuratoren die Kisten mit dem Verborgenen. Zum Vorschein kommt das, was jeder noch hat, aber keiner mehr zeigt: ein alter Apple-Computer, eine Polaroid-Kamera, eine Hermes-Baby-Schreibmaschine, ein Kofferradio, ein Toaster, ein tragbarer Fernseher. Diese Dinge waren irgendwann Zukunft, jetzt sind sie Hinterlassenschaft. In den voll gestopften Vitrinen liegt der Rasierapparat neben dem Rosenkranz, die Sicherheitskasse neben dem Reliquiar. Trotz Veggie-Day-Diskussionen begegnen einem auch hier wieder die Kunst-Fleischstücke des Hausheiligen Paul Thek. Was das Sakrale und was das Profane ist, bleibt offen. Alles, was so scheinbar zufällig in die Ausstellung geriet, muss irgendwann einem Menschen heilig gewesen sein. Nicht jeder hat eine Leiche im Keller, aber jeder hat einen Schrein auf dem Dachboden.
In einer Ecke, unweit von Vortragekreuzen und Monstranzen, flimmert Kurt Bennings Videoinstallation „Hinterlassenschaft“. Sämtliche Gegenstände einer Wohnung werden akribisch aufgelistet. Leidenschaftslos arbeitet sich eine Stimme durch ein zwölfteiliges Tafelbesteck, während die Kamera das biedere Tapetenmuster abfährt. Ein Leben schrumpft auf sieben Gabeln und zwölf Kaffeelöffel zusammen. Das Pendant dazu ist Bennings Fotozyklus „Deutsches Dorf im Winter“. Die Häuser stehen abweisend da. Die dünne Schneeschicht kämpft auf verlorenem Posten um ein bisschen Winteridylle. Indem der Schnee das Hässliche verdeckt, stellt er erst recht bloß. Das Schöne ist womöglich doch nicht immer das Wahre. Aber verborgen bleibt das Schöne in Kolumba nicht. Die Prachtschreine bekommen einen opulenten Auftritt im hellsten und größten Raum. Sie stehlen Stefan Lochners „Madonna mit dem Veilchen“, dem Dauerstar der Kölner Sammlung, in diesem Jahr die Schau. An den Wänden, um die goldenen Kisten mit den sterblichen Überresten herum, trägt die amerikanische Malerin Max Cole Filigranes dick auf. Malen sei für sie wie Beten, sagt die amerikanische Künstlerin. Dürers gefalteten Händen ähneln ihre Bilder dennoch nicht. Erst bei längerem Hinschauen sehen die Streifenmuster eher gewebt als gemalt aus. Die kargen Linien quellen über, werden plastisch. Und irgendwann ist nicht mehr klar, wer prächtiger ist: Cole oder das Gold. Nicht alles, was auf den ersten Blick bescheiden und arm daherkommt, ist auch bescheiden und arm. Ob das Kunst-Arrangement Franziskus gefallen würde? Oder seinem deutschen Namensverwandten Franz-Peter Tebartz van Elst? Wahrscheinlich findet jeder etwas. „zeigen verhüllen verbergen. Schrein“ lenkt mit dem Charme einer Wunderkammer von allen kirchenpolitischen Nabelschauen ab. Und lässt einen danach erst recht genauer hinsehen. Jede Religion, nicht nur die Christliche, zeigt und verbirgt, offenbart und verhüllt. Jedes Museum entblößt nur einen Teil dessen, was es entblößen könnte. Totale Transparenz ist der Feind von Kirche und Kultur. Wer den Weg vom schäbigen Geldschrank zum fein konstruierten Schrein abgeschritten hat, wird jedoch auch merken: Nicht alles, was an der Kirche intransparent erscheint, ist schon Kunst. (Christiane Florin, Der letzte Schrein. Das Kölner Museum Kolumba zeigt in seiner neuen Ausstellung kirchliche Pracht und Alltagsgegenstände. Ist soviel Gold überhaupt noch zeitgemäß?, in: Christ & Welt, 41/2013)

»Von diesem Fleisch rät jede Ernährungsberaterin ab: Fettig, rot und roh hängt es an den Seilen, die über die Treppen hinauf in den ersten Stock gespannt sind. Ein Hund mit Sehfehler würde vielleicht einen Sprung nach oben wagen, doch der darf nicht ins Museum. Der Fleischspanner heißt Paul Thek, lebte von 1933 bis 1988. Der Amerikaner ist einer der Hauskünstler des Kolumba. Das Diözesanmuseum des Erzbistums Köln besitzt die weltweit größte Thek-Sammlung. Besonders viele Stücke werden in der neuen Ausstellung „Art is liturgy“ gezeigt. Kunst sei Liturgie, hat Thek einmal gesagt. Der Satz erinnert an das allzu scharf angebratene Fleischstück, mit dem Kölns Erzbischof Joachim Kardinal Meisner die Erregungsbranche bei der Eröffnung des Museums fütterte: „Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet“, sagte er 2007. Theks Seile über der Treppe sind stramm gespannt; stramme Bekenntnisse aber sind Kolumba fremd. Weniger Schritte vom Eingang entfernt hat der Maler Robert Klümpen ins Bild gesetzt, dass die Kirchen leerer werden. Bunt ist sein Gotteshaus, Heilige täuschen Geschäftigkeit vor, ansonsten ist der Raum menschlos. Schicke Museen dagegen sind voll. Und Kolumba ist schick: Der Architekt heißt Peter Zumthor, der Kaffeeshop nebenan führt Espressi für jedes individuelle Röstbedürfnis, und ein Manufactum-Geschäft mit handgestreichelten Klosterkräutlein liegt in der Nähe. Kolumba verzichtet auf den Rummel weltlicher Kulturtempel. Es gibt weder multimediale Bildschirme noch Hinweispfeile zu besonders prominenten Exponaten. Kann ein Museum eher als eine Kathedrale das Kunststück vollbringen, Glauben zu wecken, noch dazu in der Großstadt?
Das Diözesanmuseum scheut nicht den Kniefall. Die Kuratoren vermeiden das konsensfähige Kunst-Kräutergärtchen, sie greifen immer wieder mit beiden Händen in die katholische Schatzkammer: Monstranzen, Kelche und Gewänder stellen sie beherzt aus, frei von jedem Für-Kardinal-Meisner-müssen-wir-so-was-ja-machen-Komplex. Bei genauem Hinsehen fehlt in der Monstranz die Hostie, und die Vitrinen mit dem Gold stehen wie zufällig herum. In einem anderen Raum tun Prozessionsfahnen aus rotem Damast so, als könnten sie Ordnung in den volkskirchlichen Laden bringen. Jesus auf einem Palmesel wartet auf seinen Einsatz, in Sichtweite hängt der Gekreuzigte. Alles klar, alles in Ordnung, es geht um die Passion. Ein paar Schritte weiter aber, in jenem schwarzen Raum, der normalerweise die goldenen Kirchenschätze beherbergt, hat man Paul Theks Prozession aufgebaut. Innereien, ein Hamburger, eine Sänfte mit einem weißen Stuhl aus dem Irrenhausbestand. Beim Pressetermin schreiten die Kunstjournalisten cool diese „Procession in Honor of Aesthetic Progress“ ab; an einem normalen Herbstdonnerstag weichen Besucher erschrocken zurück. Sie haben in dem eleganten Raum eine schönere Leidensgeschichte erwartet. Glaube braucht wohl doch nicht nur die Gottesdienst-, Prozessions- und Friedhofsordnung, er lebt auch von der Irritation. Das spürt das Museumsvolk bei jedem Schritt. „Das Wort ist Fleisch geworden“, heißt es in der Bibel. In Kolumba wird das rätselhafte Fleisch eines Paul Thek erst einmal nicht Wort. Der Besucher bekommt zwar ein Heftchen mit Erläuterungen in die Hand, aber bevor er etwas lesen kann, müssen seine Augen die Kunst finden. Weder Audioguide noch Werkerklärtafeln lenken von Sehen ab. Thek kredenzt viel Fleisch und viel Fisch. Kolumba zeigt wieder seinen „Fishman in Excelsis Table“, hoch oben an der fast kirchenhohen Decke baumelt der Mann mit schmierigem Gewand und Fischbefall. Vor einer Vitrine mit einem dicken Fleischbrocken lachen zwei Damen mittleren Alters. „Günter, komm mal, das musst du dir angucken“, rufen sie durch Raum 13. Günter begutachtet gerade den Christuskopf aus dem 15. Jahrhundert oben an der Wand. „Meatpiece with Butterlies, Fleisch mit Schmetterlingen“, sagt eine der Frauen nach einem Blick ins Begleitheft. Günter kommt, sieht und kapituliert. Er strebt in Richtung „Madonna mit dem Veilchen“, ins Abgesicherte. Weg vom Fleisch, das unbratbar, porös, aufgedunsen, geruchlos zwar, aber unappetitlich unter Glas liegt. Immerhin nagen keine Parasiten daran, sondern Schmetterlinge. Landen die nicht auch auf Veilchen? Schmetterlinge haben eine Metamorphose durchlebt. Liturgie ist Verwandlung. Stefan Lochners Madonna mit dem Veilchen steht sei der Eröffnung des Hauses an derselben Stelle, sie blickt auf den Dom. Doch mit der gerade gesehenen Kunst im Kopf – etwa Rebecca Horns Blancestab und Jürgen Klaukes Schaukelexperiment namens „Daseinsrenovierung“ – verwandelt sich die alte Bekannte. Jetzt fällt auf, dass Lochners Jesuskind instabil auf dem Arm der Mutter sitzt. Maria hält das Kreuz fester als den Sohn. Wird die Mutter-Kind-Bindung locker, wenn sich die Hand zur frommen Faust ballt? Drei Räume weiter bittet eine Installation von Michael Buthe darum, eine „Heilige Nach der Jungfräulichkeit“ zu verbringen. Das Reine bannt er auf dunkle Kupferplatten. Wenn nicht gerade Günters Damen kichern, geht von Kolumba ein tiefer Ernst aus. In einer Ecke aber gibt es ernsthaft etwas zu lachen. „Was ist mir heilig?“, fragt eine Videoinstallation von Mira Bergmüller. Willkommen im Komödienstadl christlich sein wollender Kunst: Eine Krippenfigurenschnitzerin erzählt, warum sie Weihnachten fürchtet. Ihre Kunden entwickeln intensive religiöse Gefühle, sie selbst würde das 25. Christuskind am liebsten gegen die Wand werfen. „Ich könnte verzweifeln, weil ich nicht weiß, was mir heilig ist“, sagt sie. Den Glauben mehren? Ihren Zweifel glaubt man jedenfalls sofort.« (Christiane Florin, Der Drahtseilakt. Das Kölner Kolumba zeigt gern Irritierendes. Kann ein Museum das Kunststück vollbringen, den Glauben zu mehren?, in: Christ und Welt, Beilage in »Die Zeit«, 18.10.2012)
 

 
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»Das Gold blendet, die Edelsteine funkeln dem Erzbischof zu Ehren. Zum Glück ist der hochwürdige Herr Anno II. schon seit ein paar Jahrhunderten tot. Heutigen franziskanischen Armutsidealmaßen entspricht sein Schrein nicht. Doch diese Opulenz ist kein Skandal, der vertuscht werden muss; sie ist Kunst, die man getrost herzeigen kann. Und wie Kolumba, das Diözesanmuseum des Erzbistums Köln, sie herzeigt! Gleich mehrere glänzende Schreine stehen in einem Raum beieinander, darunter als Prunkstück nämlicher Anno-Schrein aus Siegburg. Anno soll zu Lebzeiten, wie man im Rheinland sagt, ein „fieser Möpp“ gewesen sein, ein unleidlicher Mensch. Der wenig edle Charakter verschwindet in der edlen Truhe. Es dürfte umstrittene Würdenträger trösten, dass gerade ihnen die unbestritten besten Goldschmiedekünste zuteilwerden. Die neue Jahresausstellung des Kolumba heißt „zeigen verhüllen verbergen. Schrein“. Asketisch verzichtet der Titel auf fast alle Satzzeichen. Ist das schon ein Kniefall vor der neuen Bescheidenheit? Man kann die Schau durchaus kirchenpolitisch wenden: Franziskus zeigte bisher wenig Sinn für Glanz und Gloria. Hochgewachsene Monstranzen sind für ihn kein Zeugnis eines tiefen Glaubens. In Köln versteckt man die alte Pracht trotzdem nicht schamhaft, bloß weil der Papst gewechselt hat. Über dem Bischofsstab mit Elfenbein, den schweren Vortragekreuzen und den wuchtigen Monstranzen liegt ein Hauch von Wehmut. So gülden wie zu Annos Zeiten wird es wohl vorläufig nimmermehr in der Kirche. Wer durch deutsche Museen flaniert, gehört zu jenen Geschöpfen, die im Predigtjargon „der moderne Mensch“ heißen: Diese Kulturkonsumenten sind intellektuell diskursfähig, spirituell suchend und habituell stilsicher. Vor allem haben sie sich daran gewöhnt, dass ständig irgendein Kurator ihre „Sehgewohnheiten aufbrechen will“. Das Team von Kolumba Chef Stefan Kraus spielt todernst mit diesem Anspruch. Zu Beginn der Ausstellung stolpert der Besucher über einen Geldschrank mit halb offener Tür. Der Lack ist ab, Dagobert Ducks Goldtaler birgt er nicht. Die Lehman Brothers lassen grüßen. Geld ist offenbar doch nicht alles im Herrschaftsbereich von Glaube, Liebe und Hoffnung. Aber ohne Geld? Kolumba, entworfen vom Stararchitekten Peter Zumthor, ist jedenfalls kein Billig-Bau. Eine Treppe höher der nächste Stolperer: Ein großer brauner Container rauscht vor sich hin. Sein Schöpfer Thomas Rentmeister legt den Inhalt ins Auge des Betrachters. Eine Baubude könnte es sein, ein mobiles Atelier, eine Notunterkunft für syrische Flüchtlinge. Der Ventilator surrt dazu und verweigert die Antwort. Einige Schritte weiter öffnen die Kuratoren die Kisten mit dem Verborgenen. Zum Vorschein kommt das, was jeder noch hat, aber keiner mehr zeigt: ein alter Apple-Computer, eine Polaroid-Kamera, eine Hermes-Baby-Schreibmaschine, ein Kofferradio, ein Toaster, ein tragbarer Fernseher. Diese Dinge waren irgendwann Zukunft, jetzt sind sie Hinterlassenschaft. In den voll gestopften Vitrinen liegt der Rasierapparat neben dem Rosenkranz, die Sicherheitskasse neben dem Reliquiar. Trotz Veggie-Day-Diskussionen begegnen einem auch hier wieder die Kunst-Fleischstücke des Hausheiligen Paul Thek. Was das Sakrale und was das Profane ist, bleibt offen. Alles, was so scheinbar zufällig in die Ausstellung geriet, muss irgendwann einem Menschen heilig gewesen sein. Nicht jeder hat eine Leiche im Keller, aber jeder hat einen Schrein auf dem Dachboden.
In einer Ecke, unweit von Vortragekreuzen und Monstranzen, flimmert Kurt Bennings Videoinstallation „Hinterlassenschaft“. Sämtliche Gegenstände einer Wohnung werden akribisch aufgelistet. Leidenschaftslos arbeitet sich eine Stimme durch ein zwölfteiliges Tafelbesteck, während die Kamera das biedere Tapetenmuster abfährt. Ein Leben schrumpft auf sieben Gabeln und zwölf Kaffeelöffel zusammen. Das Pendant dazu ist Bennings Fotozyklus „Deutsches Dorf im Winter“. Die Häuser stehen abweisend da. Die dünne Schneeschicht kämpft auf verlorenem Posten um ein bisschen Winteridylle. Indem der Schnee das Hässliche verdeckt, stellt er erst recht bloß. Das Schöne ist womöglich doch nicht immer das Wahre. Aber verborgen bleibt das Schöne in Kolumba nicht. Die Prachtschreine bekommen einen opulenten Auftritt im hellsten und größten Raum. Sie stehlen Stefan Lochners „Madonna mit dem Veilchen“, dem Dauerstar der Kölner Sammlung, in diesem Jahr die Schau. An den Wänden, um die goldenen Kisten mit den sterblichen Überresten herum, trägt die amerikanische Malerin Max Cole Filigranes dick auf. Malen sei für sie wie Beten, sagt die amerikanische Künstlerin. Dürers gefalteten Händen ähneln ihre Bilder dennoch nicht. Erst bei längerem Hinschauen sehen die Streifenmuster eher gewebt als gemalt aus. Die kargen Linien quellen über, werden plastisch. Und irgendwann ist nicht mehr klar, wer prächtiger ist: Cole oder das Gold. Nicht alles, was auf den ersten Blick bescheiden und arm daherkommt, ist auch bescheiden und arm. Ob das Kunst-Arrangement Franziskus gefallen würde? Oder seinem deutschen Namensverwandten Franz-Peter Tebartz van Elst? Wahrscheinlich findet jeder etwas. „zeigen verhüllen verbergen. Schrein“ lenkt mit dem Charme einer Wunderkammer von allen kirchenpolitischen Nabelschauen ab. Und lässt einen danach erst recht genauer hinsehen. Jede Religion, nicht nur die Christliche, zeigt und verbirgt, offenbart und verhüllt. Jedes Museum entblößt nur einen Teil dessen, was es entblößen könnte. Totale Transparenz ist der Feind von Kirche und Kultur. Wer den Weg vom schäbigen Geldschrank zum fein konstruierten Schrein abgeschritten hat, wird jedoch auch merken: Nicht alles, was an der Kirche intransparent erscheint, ist schon Kunst. (Christiane Florin, Der letzte Schrein. Das Kölner Museum Kolumba zeigt in seiner neuen Ausstellung kirchliche Pracht und Alltagsgegenstände. Ist soviel Gold überhaupt noch zeitgemäß?, in: Christ & Welt, 41/2013)

»Von diesem Fleisch rät jede Ernährungsberaterin ab: Fettig, rot und roh hängt es an den Seilen, die über die Treppen hinauf in den ersten Stock gespannt sind. Ein Hund mit Sehfehler würde vielleicht einen Sprung nach oben wagen, doch der darf nicht ins Museum. Der Fleischspanner heißt Paul Thek, lebte von 1933 bis 1988. Der Amerikaner ist einer der Hauskünstler des Kolumba. Das Diözesanmuseum des Erzbistums Köln besitzt die weltweit größte Thek-Sammlung. Besonders viele Stücke werden in der neuen Ausstellung „Art is liturgy“ gezeigt. Kunst sei Liturgie, hat Thek einmal gesagt. Der Satz erinnert an das allzu scharf angebratene Fleischstück, mit dem Kölns Erzbischof Joachim Kardinal Meisner die Erregungsbranche bei der Eröffnung des Museums fütterte: „Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet“, sagte er 2007. Theks Seile über der Treppe sind stramm gespannt; stramme Bekenntnisse aber sind Kolumba fremd. Weniger Schritte vom Eingang entfernt hat der Maler Robert Klümpen ins Bild gesetzt, dass die Kirchen leerer werden. Bunt ist sein Gotteshaus, Heilige täuschen Geschäftigkeit vor, ansonsten ist der Raum menschlos. Schicke Museen dagegen sind voll. Und Kolumba ist schick: Der Architekt heißt Peter Zumthor, der Kaffeeshop nebenan führt Espressi für jedes individuelle Röstbedürfnis, und ein Manufactum-Geschäft mit handgestreichelten Klosterkräutlein liegt in der Nähe. Kolumba verzichtet auf den Rummel weltlicher Kulturtempel. Es gibt weder multimediale Bildschirme noch Hinweispfeile zu besonders prominenten Exponaten. Kann ein Museum eher als eine Kathedrale das Kunststück vollbringen, Glauben zu wecken, noch dazu in der Großstadt?
Das Diözesanmuseum scheut nicht den Kniefall. Die Kuratoren vermeiden das konsensfähige Kunst-Kräutergärtchen, sie greifen immer wieder mit beiden Händen in die katholische Schatzkammer: Monstranzen, Kelche und Gewänder stellen sie beherzt aus, frei von jedem Für-Kardinal-Meisner-müssen-wir-so-was-ja-machen-Komplex. Bei genauem Hinsehen fehlt in der Monstranz die Hostie, und die Vitrinen mit dem Gold stehen wie zufällig herum. In einem anderen Raum tun Prozessionsfahnen aus rotem Damast so, als könnten sie Ordnung in den volkskirchlichen Laden bringen. Jesus auf einem Palmesel wartet auf seinen Einsatz, in Sichtweite hängt der Gekreuzigte. Alles klar, alles in Ordnung, es geht um die Passion. Ein paar Schritte weiter aber, in jenem schwarzen Raum, der normalerweise die goldenen Kirchenschätze beherbergt, hat man Paul Theks Prozession aufgebaut. Innereien, ein Hamburger, eine Sänfte mit einem weißen Stuhl aus dem Irrenhausbestand. Beim Pressetermin schreiten die Kunstjournalisten cool diese „Procession in Honor of Aesthetic Progress“ ab; an einem normalen Herbstdonnerstag weichen Besucher erschrocken zurück. Sie haben in dem eleganten Raum eine schönere Leidensgeschichte erwartet. Glaube braucht wohl doch nicht nur die Gottesdienst-, Prozessions- und Friedhofsordnung, er lebt auch von der Irritation. Das spürt das Museumsvolk bei jedem Schritt. „Das Wort ist Fleisch geworden“, heißt es in der Bibel. In Kolumba wird das rätselhafte Fleisch eines Paul Thek erst einmal nicht Wort. Der Besucher bekommt zwar ein Heftchen mit Erläuterungen in die Hand, aber bevor er etwas lesen kann, müssen seine Augen die Kunst finden. Weder Audioguide noch Werkerklärtafeln lenken von Sehen ab. Thek kredenzt viel Fleisch und viel Fisch. Kolumba zeigt wieder seinen „Fishman in Excelsis Table“, hoch oben an der fast kirchenhohen Decke baumelt der Mann mit schmierigem Gewand und Fischbefall. Vor einer Vitrine mit einem dicken Fleischbrocken lachen zwei Damen mittleren Alters. „Günter, komm mal, das musst du dir angucken“, rufen sie durch Raum 13. Günter begutachtet gerade den Christuskopf aus dem 15. Jahrhundert oben an der Wand. „Meatpiece with Butterlies, Fleisch mit Schmetterlingen“, sagt eine der Frauen nach einem Blick ins Begleitheft. Günter kommt, sieht und kapituliert. Er strebt in Richtung „Madonna mit dem Veilchen“, ins Abgesicherte. Weg vom Fleisch, das unbratbar, porös, aufgedunsen, geruchlos zwar, aber unappetitlich unter Glas liegt. Immerhin nagen keine Parasiten daran, sondern Schmetterlinge. Landen die nicht auch auf Veilchen? Schmetterlinge haben eine Metamorphose durchlebt. Liturgie ist Verwandlung. Stefan Lochners Madonna mit dem Veilchen steht sei der Eröffnung des Hauses an derselben Stelle, sie blickt auf den Dom. Doch mit der gerade gesehenen Kunst im Kopf – etwa Rebecca Horns Blancestab und Jürgen Klaukes Schaukelexperiment namens „Daseinsrenovierung“ – verwandelt sich die alte Bekannte. Jetzt fällt auf, dass Lochners Jesuskind instabil auf dem Arm der Mutter sitzt. Maria hält das Kreuz fester als den Sohn. Wird die Mutter-Kind-Bindung locker, wenn sich die Hand zur frommen Faust ballt? Drei Räume weiter bittet eine Installation von Michael Buthe darum, eine „Heilige Nach der Jungfräulichkeit“ zu verbringen. Das Reine bannt er auf dunkle Kupferplatten. Wenn nicht gerade Günters Damen kichern, geht von Kolumba ein tiefer Ernst aus. In einer Ecke aber gibt es ernsthaft etwas zu lachen. „Was ist mir heilig?“, fragt eine Videoinstallation von Mira Bergmüller. Willkommen im Komödienstadl christlich sein wollender Kunst: Eine Krippenfigurenschnitzerin erzählt, warum sie Weihnachten fürchtet. Ihre Kunden entwickeln intensive religiöse Gefühle, sie selbst würde das 25. Christuskind am liebsten gegen die Wand werfen. „Ich könnte verzweifeln, weil ich nicht weiß, was mir heilig ist“, sagt sie. Den Glauben mehren? Ihren Zweifel glaubt man jedenfalls sofort.« (Christiane Florin, Der Drahtseilakt. Das Kölner Kolumba zeigt gern Irritierendes. Kann ein Museum das Kunststück vollbringen, den Glauben zu mehren?, in: Christ und Welt, Beilage in »Die Zeit«, 18.10.2012)