Kolumba
Kolumbastraße 4
D-50667 Köln
tel +49 (0)221 9331930
fax +49 (0)221 93319333

     
»Sieben Jahre haben sich die Kustoden mit dem Ausstellungsthema für die 10. Jahresausstellung in Kolumba beschäftigt. Die ursprüngliche Idee dazu lieferte eine Figurengruppe aus dem 15. Jahrhundert. Die aus dem Kölner Dom stammende Gruppe ist Teil der erzbischöflichen Sammlung und zeigt vier Schutzpatrone der Bildhauerzunft. Sie sehen aus wie echte Typen von der Straße, nur heute einmal in Heiligengewändern. | Die am eigenen Bestand orientierte Ausstellung wird um eine große Leihgabe der Hohen Domkirche und um zwei Künstlerräume erweitert, die von Chris Newman und Martin Assig realisiert wurden. Kurt Bennings »opus magnum«, der über die Dauer von vierzig Jahren entstandenen Arbeit »Burgtreswitzmensch«, widmet das Museum eine eigene Ausstellung. | Das Ich, das Selbst zum Gegenstand der Schau zu nehmen, ist aber keine Einladung zur Selbstversunkenheit, im Gegenteil, „die Ausstellung nimmt für sich in Anspruch, eine politische zu sein“ sagt Dr. Stefan Kraus bei der Vorbesichtigung, „nicht weil es politische Kunst auf den ersten Blick ist, sondern weil wir einfordern wollen, dass Kunst in ihrer politischen Dimension wahrgenommen wird.“ | In einer Zeit, in der sich Terroranschläge gegen die Freiheit des Individuums richten, wird die Frage, welches Gegenbild die Kunst zur Entindividualisierung der Welt empfiehlt, stets dringender. Und so kann man sich am Anfang der Schau gewarnt und ermahnt fühlen, denn Roboter stehen da zur Begrüßung, bunte und sympathische Gesellen, aber Vorsicht, sind sie wirklich so harmlos, wie sie aussehen? | Die besondere Qualität der Schauen des Hauses besteht darin, dass Exponate nicht einfach nur an der Wand hängen oder im Raum stehen. Sie bilden Raum, nehmen in ein, verändern ihn, akzentuieren ihn. Bei dieser zehnten Jahresausstellung in Kolumba sind besonders schöne und eindringliche Wechselwirkungen gelungen. Das ist die Qualität der Räume Zumthors, die jedes Jahr eine andere Ausstellung beherbergen, und jedes Mal ein anderes Museum sind – museum in a no-time state. | Chris Newman schafft eine neue, zusätzliche Architektur, indem er den Grundriss seiner Berliner Wohnung mit hängenden Leinwänden nachstellt und abbildet. Diese sind mit mehreren Ebenen von Zeichnungen „beschrieben“, wie bei der Höhlenmalerei geht der Impuls davon aus, Alltägliches und Spirituelles zusammenzubringen. | Wohnst du noch oder lebst du schon? Auch wenn der Satz von Ikea stammt, ist er doch museumsreif. Stefan Wewerka verbindet Möbel und Skulptur, in der Ausstellung ist ein autorisierter Nachbau seiner „CELLA“ zu sehen. In dieser Zelle ist alles da, was das Individuum zum Leben braucht, und dazu gehört für den Künstler offensichtlich unbedingt auch ausreichend Platz für Bücher. | „Me in a no-time state“ (Ich in einem Nicht-Zeit Zustand) ist der Titel von fünf Diptychen von Chris Newman, die 1994/95 entstanden sind. Newman wählt bedeutende Gemälde der Klassischen Moderne, die er ziemlich ungelenk kopiert. Wie ein seltsamer Besucher aus einer anderen Zeit steht eine Holzfigur aus dem 17. Jahrhundert mitten im Raum, eine Darstellung der Hl. Dreifaltigkeit, die mit ihrer schwungholenden Gebärde und den dreiseitigen Gesichtern scheinbar dabei ist, die ausgestellten Werke hingerissen zu erfassen. | Im großen Raum im Obergeschoß wird der Besucher Teil einer ganz besonderen Versammlung, aufgestellt sind die Archivoltenfiguren des einzigen Portals des Kölner Doms, das im Mittelalter fertig geworden ist. Und was, so Dr. Stefan Kraus, ist eine Heiligenversammlung denn anderes wenn nicht: me in a no-time state.» Ira Scheibe: Me in a no-time state. Die zehnte Jahresausstellung in Kolumba: das Museum in einem Nicht-Zeit Zustand, www.koelnarchitektur.de, 22.9.2016)

»Kolumba erzählt vom Erzählen. So trägt die Jahresausstellung vielleicht wenig überraschend den Titel „Der Rote Faden“. Denn den sollte man dabei tunlichst nie verlieren, möchte man Leser, Zuhörer oder Betrachter an sich binden. Es ist ein breites, offenes Thema in das sich alles hineinreden ließe und so bestand die Kunst der Kuratoren Stefan Kraus, Ulrike Surmann, Marc Steinmann und Barbara von Flüe darin, aus der Fülle des Möglichen auszuwählen und wegzulassen. Um eben jene Exponate zu finden, die auf die Kernfrage der Ausstellung – wovon und mit welchen Mitteln die Kunst erzählt – eine Antwort anbieten. Schon aus den umfangreichen Sammlungsbeständen des Museums ließen sich zahlreiche Ausstellungen generieren, doch war es in diesem Jahr eine Leihgabe, die den Anfang machte. Erstmals wird der spätmittelalterliche Lebenszyklus des Heiligen Severin in musealem Kontext gezeigt, dies aber auch nur, weil die 20 großformatigen Leinwände, die ihren Platz im Chor von St. Severin haben, während der Sanierung der Kirche eine Interimsbleibe benötigten.Kolumba ist dafür bestimmt der beste Ort, inspirierte die Geschichte des Kölner Bischofs, die die Stiftsherren der Kirche um 1500 illustrieren ließen, das Museum dazu, sich mit dem Narrativen zu beschäftigen. Und so ist die erste Erkenntnis, dass nicht alles, das erzählt wird, der Wahrheit entspricht. Denn ebenso wie das Weglassen macht eben auch das Hinzufügen eine gute Geschichte aus. Und auch ein Heiliger wird umso populärer, wenn ihm noch Taten angedichtet werden, die bis dato nur Christus vollbracht hatte. Der Zyklus hängt im zweiten Obergeschoss in den vier Räumen, die fugenlos und schwellenlos ineinander übergehen. Dort hängen sie nicht alleine, sondern in Gegenüberstellung mit kleinen Heiligenfiguren ihrer Zeit. Einzig der Wanderer von Michael Buthe (1974) lehnt noch an der Wand, als habe er seit „Playing by heart“ einen Anspruch auf diesen Platz. Doch die menschliche Figur, ein Konstrukt aus Abfall, schlägt eine jener Brücken zwischen damals und heute, zwischen sakral und profan, die Kolumba so einzigartig machen. Krieg und Gewalt, Vertreibung und Flucht sind seit Menschengedenken der Stoff für Geschichten die erzählt werden müssen. Doch es ist nicht der Heilige Severin, der die Ausstellung eröffnet, sondern die Installation „Keine Kunst aber Tatsachen“ von Felix Droese (1987/1992) im Foyer. Zwei teerverschmierte Seevogelkadaver liegen in einer Holzkiste. Traurige Belege einer Ölpest. Und dann beginnt der Künstler zu erzählen, er setzt diese schaurige Vitrine auf eine Art Floß, lässt Seile über einen Haken an der Decke laufen, deren anderes Ende um einen wassergefüllten Glaskolben gebunden ist. Wissenschaft versus Schöpfung, Fessel oder Nabelschnur? Es bleibt so stehen, die Fragen offen, die Anklage spürbar. Vieles wird erst aus dem Kontext heraus lesbar, aus der Folge von Exponaten oder ihrem Gegenüber. Den roten Faden muss der Besucher selbst spinnen, möchte er ihm folgen. Zum Beispiel auch nach Ruanda, wo Marcel Odenbach sich mit dem Genozid und seinen Folgen auseinander gesetzt hat. 29 Stunden Videomaterial, das er von der UNO erhalten, in den Archiven der Kolonialzeit gefunden oder selbst gedreht hat, schnitt er zu 31 Minuten zusammen, die nicht das Grausame, sondern das Schöne zeigen, brutal werden die Bilder erst durch die Tonspur. „In stillen Teichen lauern Krokodile“ hat Kolumba vor sieben Jahren bereits einmal gezeigt, ergänzt die Videoinstallation nun aber um die Arbeitsmaterialien des Künstlers, die seine assoziative Erzählweise erläutern. Rund 200 Exponate finden sich in der Ausstellung, jedes davon hat einen Bezug zur Passionsgeschichte und doch wirkt die Ausstellung nicht nur bedrückend. Jedes einzelne Objekt hat viel Raum, die Besucher gewinnen dadurch Zeit, sich anzunähern. Eile und Enge gibt es hier nicht, dafür immer wieder die Versicherung, dass draußen in der Stadt das Leben weitergeht.Im Südkabinett und im Südturm des zweiten Obergeschosses nimmt die Ausstellung „Transzendentaler Konstruktivismus“ mit Fotoserien, Zeichnungen, Künstlerbüchern und beschriebenen Tellern, gemeinsame und autonome Arbeiten des Künstlerpaares Anna und Bernhard Blume einen neuen Erzählstrang auf. Skurril ist der, und befreiend ist das Lachen über die Gesichter, die nicht Leid, sondern künstlerische Extase zu Grimassen verzerren. (Uta Winterhager, Der rote Faden, www.koelnarchitektur.de, 18.9.2015)

»Kolumba bezeichnet sich als einen Ort der Langsamkeit. Zurecht, denn die Jahre des Wartens auf Konzeption, Plan und Bau waren lang, aber sie haben sich gelohnt und diesen Ort zu einem ganz besonderen gemacht. Doch es ist nicht nur die Architektur des Museums, das Spiel mit Licht und Schatten, mit Öffnungen und Flächen, Raumfolgen und Perspektiven, sondern auch die außergewöhnliche Sorgfalt, mit der es bespielt wird. Jedes Jahr Mitte September präsentieren Stefan Kraus und seine Mitarbeiter eine neue Ausstellung, die jedoch, so zeigt es sich grade wieder, so intensiv gedacht und so dicht angelegt ist, dass ein Jahr genau angemessen scheint, um sich Thematik und Inhalten langsam anzunähern. | 1965 ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende, das für die katholische Kirche den Beginn eines bedeutenden Reformprozesses bedeutete. „Gaudium es Spes“, Freude und Hoffnung, war das abschließende Dokument überschrieben, mit dem die Kirche sich neu orientierte, sich vorsichtig öffnete. Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln feiertdas 50jährige Jubiläum mit der aktuellen Jahresausstellung „playing by heart“. Gezeigt werden Bilder der Freude und Hoffnung, wie Kunst und Kultur sie sichtbar machen. Alle Gegenbilder des Schmerzes, der christlichen Passion wurden zugelassen, um diesen Aufbruch heute noch einmal zu zelebrieren. Es geht um ein Gefühl wie Glück, um gänzlich Unerwartetes wie Spiel und Kreativität oder gar Witz und Humor. Es ist eine der herausragenden Qualitäten von Kolumba, dass religiöse Inhalte so transportiert werden, dass sie einen Platz im Heute finden. Nicht verdeckt oder vertuscht, sondern ganz offen und bereit, das Nebeneinander verschiedener Standpunkte zuzulassen. | Gotteskinderspielzeug: Im Foyer empfängt die Muttergottes mit Kind (Jeremias Geiselbrunn, um 1650), eine aus den Kriegstrümmern von St. Kolumba geborgene Alabasterfigur die Besucher. Das Kind hält eine Weltkugel wie einen Ball in der Hand, verträumt beginnt es seine Herrschaft mit zweckfreiem Spiel. Doch in den Sockel rammte Stefan Wewerka einen Stuhl. Kühn ist diese Stuhlskulptur, die sogar noch ein Jahr älter ist als das Konzil, heute ist sie ein Wegweiser für die Haltung, die diese Ausstellung, die keine Berührungsängste kennt, ausmacht. Im Hof gurren die in der Kolumba-Ruine lebenden Tauben, 1994 aufgezeichnet von Bill Fontana. Sie klingen wie heute, denn nicht alles ändert sich. Die fromme, einfache Bildhaftigkeit der kleinen Andachtsbildchen ist uns heute fremd, vermag uns aber dennoch zu berühren, weil sie erzählen können. Davor verführerisch schimmernd die massiven Kupferkugeln von Roni Horn „When The How and The What Are The Same“, zu schön, zu wertvoll, um damit zu Spielen – sind auch sie vielleicht nur Spielzeuge des Gotteskindes? | Vereint im Spiel: In der mittleren Halle des 2. Obergeschosses steht ein Konstrukt aus Schläuchen und Lautsprechern. Zu hören sind Texte von Novalis, Fragmente über Raum, Ton und Zeit. Doch es ist nicht nur das Objekt von Bernhard Leitner selbst, sondern der Rahmen, den „Serpentinata“ den umgebenden Werken gibt. Akustisch natürlich, aber auch visuell. Denn für alles dahinterliegende bildet es einen Rahmen aus PVC-Schläuchen. Auch für das kleine Elfenbeinkruzifix (2. Hälfte 12. Jh.), das alleine an einer Wand hängt, nicht als Zeichen für den menschlichen Tod Christi, sondern für den darin liegenden Beginn seines neuen, anderen Lebens. Ein krasser Bruch? Nein, denn auch ästhetisch fügt sich in diesem Raum alles zu einer wunderbaren Harmonie aus Grau und Weiß, die auch das kleine Ölgemälde von Norbert Schwontkowski einschießt. „Flaute“ heißt sein Bild, das dem Kruzifix gegenüberhängt. Hier der entschlafene Christus, da werden die wartenden Segel zu Kreuzzeichen am Himmel. | Werke von 59 Künstlern zeigt die Ausstellung, die so reich an Bildern und Ideen, Farben und Glanz ist, dass man der intellektuellen Fülle mit einem Besuch kaum Herr werden kann. Man nehme sich also Zeit „playing by heart“ mit allen seinen Facetten zu genießen, die Spiritualität genau wie das Spielerisch-Komische, das Kuriose wie auch das Ästhetische. Denn, so deutet die Titelmetapher es an, die für ein ganzheitliches, kreatives und fürsorgliches Verhältnis zur Welt steht: es geht um eine Glückserfahrung, vergleichbar mit dem Empfinden eines Musikers, er sich sein Stück so angeeignet hat, dass er es auswendig spielen kann, der sich vom Papier losgelöst auf sein Herz verlässt.« (Uta Winterhager, Glückserfahrungen in Kolumba, www.koelnarchitektur.de, 10/2014)
 

 
www.kolumba.de

KOLUMBA :: Kritiken :: koelnarchitektur

»Sieben Jahre haben sich die Kustoden mit dem Ausstellungsthema für die 10. Jahresausstellung in Kolumba beschäftigt. Die ursprüngliche Idee dazu lieferte eine Figurengruppe aus dem 15. Jahrhundert. Die aus dem Kölner Dom stammende Gruppe ist Teil der erzbischöflichen Sammlung und zeigt vier Schutzpatrone der Bildhauerzunft. Sie sehen aus wie echte Typen von der Straße, nur heute einmal in Heiligengewändern. | Die am eigenen Bestand orientierte Ausstellung wird um eine große Leihgabe der Hohen Domkirche und um zwei Künstlerräume erweitert, die von Chris Newman und Martin Assig realisiert wurden. Kurt Bennings »opus magnum«, der über die Dauer von vierzig Jahren entstandenen Arbeit »Burgtreswitzmensch«, widmet das Museum eine eigene Ausstellung. | Das Ich, das Selbst zum Gegenstand der Schau zu nehmen, ist aber keine Einladung zur Selbstversunkenheit, im Gegenteil, „die Ausstellung nimmt für sich in Anspruch, eine politische zu sein“ sagt Dr. Stefan Kraus bei der Vorbesichtigung, „nicht weil es politische Kunst auf den ersten Blick ist, sondern weil wir einfordern wollen, dass Kunst in ihrer politischen Dimension wahrgenommen wird.“ | In einer Zeit, in der sich Terroranschläge gegen die Freiheit des Individuums richten, wird die Frage, welches Gegenbild die Kunst zur Entindividualisierung der Welt empfiehlt, stets dringender. Und so kann man sich am Anfang der Schau gewarnt und ermahnt fühlen, denn Roboter stehen da zur Begrüßung, bunte und sympathische Gesellen, aber Vorsicht, sind sie wirklich so harmlos, wie sie aussehen? | Die besondere Qualität der Schauen des Hauses besteht darin, dass Exponate nicht einfach nur an der Wand hängen oder im Raum stehen. Sie bilden Raum, nehmen in ein, verändern ihn, akzentuieren ihn. Bei dieser zehnten Jahresausstellung in Kolumba sind besonders schöne und eindringliche Wechselwirkungen gelungen. Das ist die Qualität der Räume Zumthors, die jedes Jahr eine andere Ausstellung beherbergen, und jedes Mal ein anderes Museum sind – museum in a no-time state. | Chris Newman schafft eine neue, zusätzliche Architektur, indem er den Grundriss seiner Berliner Wohnung mit hängenden Leinwänden nachstellt und abbildet. Diese sind mit mehreren Ebenen von Zeichnungen „beschrieben“, wie bei der Höhlenmalerei geht der Impuls davon aus, Alltägliches und Spirituelles zusammenzubringen. | Wohnst du noch oder lebst du schon? Auch wenn der Satz von Ikea stammt, ist er doch museumsreif. Stefan Wewerka verbindet Möbel und Skulptur, in der Ausstellung ist ein autorisierter Nachbau seiner „CELLA“ zu sehen. In dieser Zelle ist alles da, was das Individuum zum Leben braucht, und dazu gehört für den Künstler offensichtlich unbedingt auch ausreichend Platz für Bücher. | „Me in a no-time state“ (Ich in einem Nicht-Zeit Zustand) ist der Titel von fünf Diptychen von Chris Newman, die 1994/95 entstanden sind. Newman wählt bedeutende Gemälde der Klassischen Moderne, die er ziemlich ungelenk kopiert. Wie ein seltsamer Besucher aus einer anderen Zeit steht eine Holzfigur aus dem 17. Jahrhundert mitten im Raum, eine Darstellung der Hl. Dreifaltigkeit, die mit ihrer schwungholenden Gebärde und den dreiseitigen Gesichtern scheinbar dabei ist, die ausgestellten Werke hingerissen zu erfassen. | Im großen Raum im Obergeschoß wird der Besucher Teil einer ganz besonderen Versammlung, aufgestellt sind die Archivoltenfiguren des einzigen Portals des Kölner Doms, das im Mittelalter fertig geworden ist. Und was, so Dr. Stefan Kraus, ist eine Heiligenversammlung denn anderes wenn nicht: me in a no-time state.» Ira Scheibe: Me in a no-time state. Die zehnte Jahresausstellung in Kolumba: das Museum in einem Nicht-Zeit Zustand, www.koelnarchitektur.de, 22.9.2016)

»Kolumba erzählt vom Erzählen. So trägt die Jahresausstellung vielleicht wenig überraschend den Titel „Der Rote Faden“. Denn den sollte man dabei tunlichst nie verlieren, möchte man Leser, Zuhörer oder Betrachter an sich binden. Es ist ein breites, offenes Thema in das sich alles hineinreden ließe und so bestand die Kunst der Kuratoren Stefan Kraus, Ulrike Surmann, Marc Steinmann und Barbara von Flüe darin, aus der Fülle des Möglichen auszuwählen und wegzulassen. Um eben jene Exponate zu finden, die auf die Kernfrage der Ausstellung – wovon und mit welchen Mitteln die Kunst erzählt – eine Antwort anbieten. Schon aus den umfangreichen Sammlungsbeständen des Museums ließen sich zahlreiche Ausstellungen generieren, doch war es in diesem Jahr eine Leihgabe, die den Anfang machte. Erstmals wird der spätmittelalterliche Lebenszyklus des Heiligen Severin in musealem Kontext gezeigt, dies aber auch nur, weil die 20 großformatigen Leinwände, die ihren Platz im Chor von St. Severin haben, während der Sanierung der Kirche eine Interimsbleibe benötigten.Kolumba ist dafür bestimmt der beste Ort, inspirierte die Geschichte des Kölner Bischofs, die die Stiftsherren der Kirche um 1500 illustrieren ließen, das Museum dazu, sich mit dem Narrativen zu beschäftigen. Und so ist die erste Erkenntnis, dass nicht alles, das erzählt wird, der Wahrheit entspricht. Denn ebenso wie das Weglassen macht eben auch das Hinzufügen eine gute Geschichte aus. Und auch ein Heiliger wird umso populärer, wenn ihm noch Taten angedichtet werden, die bis dato nur Christus vollbracht hatte. Der Zyklus hängt im zweiten Obergeschoss in den vier Räumen, die fugenlos und schwellenlos ineinander übergehen. Dort hängen sie nicht alleine, sondern in Gegenüberstellung mit kleinen Heiligenfiguren ihrer Zeit. Einzig der Wanderer von Michael Buthe (1974) lehnt noch an der Wand, als habe er seit „Playing by heart“ einen Anspruch auf diesen Platz. Doch die menschliche Figur, ein Konstrukt aus Abfall, schlägt eine jener Brücken zwischen damals und heute, zwischen sakral und profan, die Kolumba so einzigartig machen. Krieg und Gewalt, Vertreibung und Flucht sind seit Menschengedenken der Stoff für Geschichten die erzählt werden müssen. Doch es ist nicht der Heilige Severin, der die Ausstellung eröffnet, sondern die Installation „Keine Kunst aber Tatsachen“ von Felix Droese (1987/1992) im Foyer. Zwei teerverschmierte Seevogelkadaver liegen in einer Holzkiste. Traurige Belege einer Ölpest. Und dann beginnt der Künstler zu erzählen, er setzt diese schaurige Vitrine auf eine Art Floß, lässt Seile über einen Haken an der Decke laufen, deren anderes Ende um einen wassergefüllten Glaskolben gebunden ist. Wissenschaft versus Schöpfung, Fessel oder Nabelschnur? Es bleibt so stehen, die Fragen offen, die Anklage spürbar. Vieles wird erst aus dem Kontext heraus lesbar, aus der Folge von Exponaten oder ihrem Gegenüber. Den roten Faden muss der Besucher selbst spinnen, möchte er ihm folgen. Zum Beispiel auch nach Ruanda, wo Marcel Odenbach sich mit dem Genozid und seinen Folgen auseinander gesetzt hat. 29 Stunden Videomaterial, das er von der UNO erhalten, in den Archiven der Kolonialzeit gefunden oder selbst gedreht hat, schnitt er zu 31 Minuten zusammen, die nicht das Grausame, sondern das Schöne zeigen, brutal werden die Bilder erst durch die Tonspur. „In stillen Teichen lauern Krokodile“ hat Kolumba vor sieben Jahren bereits einmal gezeigt, ergänzt die Videoinstallation nun aber um die Arbeitsmaterialien des Künstlers, die seine assoziative Erzählweise erläutern. Rund 200 Exponate finden sich in der Ausstellung, jedes davon hat einen Bezug zur Passionsgeschichte und doch wirkt die Ausstellung nicht nur bedrückend. Jedes einzelne Objekt hat viel Raum, die Besucher gewinnen dadurch Zeit, sich anzunähern. Eile und Enge gibt es hier nicht, dafür immer wieder die Versicherung, dass draußen in der Stadt das Leben weitergeht.Im Südkabinett und im Südturm des zweiten Obergeschosses nimmt die Ausstellung „Transzendentaler Konstruktivismus“ mit Fotoserien, Zeichnungen, Künstlerbüchern und beschriebenen Tellern, gemeinsame und autonome Arbeiten des Künstlerpaares Anna und Bernhard Blume einen neuen Erzählstrang auf. Skurril ist der, und befreiend ist das Lachen über die Gesichter, die nicht Leid, sondern künstlerische Extase zu Grimassen verzerren. (Uta Winterhager, Der rote Faden, www.koelnarchitektur.de, 18.9.2015)

»Kolumba bezeichnet sich als einen Ort der Langsamkeit. Zurecht, denn die Jahre des Wartens auf Konzeption, Plan und Bau waren lang, aber sie haben sich gelohnt und diesen Ort zu einem ganz besonderen gemacht. Doch es ist nicht nur die Architektur des Museums, das Spiel mit Licht und Schatten, mit Öffnungen und Flächen, Raumfolgen und Perspektiven, sondern auch die außergewöhnliche Sorgfalt, mit der es bespielt wird. Jedes Jahr Mitte September präsentieren Stefan Kraus und seine Mitarbeiter eine neue Ausstellung, die jedoch, so zeigt es sich grade wieder, so intensiv gedacht und so dicht angelegt ist, dass ein Jahr genau angemessen scheint, um sich Thematik und Inhalten langsam anzunähern. | 1965 ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende, das für die katholische Kirche den Beginn eines bedeutenden Reformprozesses bedeutete. „Gaudium es Spes“, Freude und Hoffnung, war das abschließende Dokument überschrieben, mit dem die Kirche sich neu orientierte, sich vorsichtig öffnete. Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln feiertdas 50jährige Jubiläum mit der aktuellen Jahresausstellung „playing by heart“. Gezeigt werden Bilder der Freude und Hoffnung, wie Kunst und Kultur sie sichtbar machen. Alle Gegenbilder des Schmerzes, der christlichen Passion wurden zugelassen, um diesen Aufbruch heute noch einmal zu zelebrieren. Es geht um ein Gefühl wie Glück, um gänzlich Unerwartetes wie Spiel und Kreativität oder gar Witz und Humor. Es ist eine der herausragenden Qualitäten von Kolumba, dass religiöse Inhalte so transportiert werden, dass sie einen Platz im Heute finden. Nicht verdeckt oder vertuscht, sondern ganz offen und bereit, das Nebeneinander verschiedener Standpunkte zuzulassen. | Gotteskinderspielzeug: Im Foyer empfängt die Muttergottes mit Kind (Jeremias Geiselbrunn, um 1650), eine aus den Kriegstrümmern von St. Kolumba geborgene Alabasterfigur die Besucher. Das Kind hält eine Weltkugel wie einen Ball in der Hand, verträumt beginnt es seine Herrschaft mit zweckfreiem Spiel. Doch in den Sockel rammte Stefan Wewerka einen Stuhl. Kühn ist diese Stuhlskulptur, die sogar noch ein Jahr älter ist als das Konzil, heute ist sie ein Wegweiser für die Haltung, die diese Ausstellung, die keine Berührungsängste kennt, ausmacht. Im Hof gurren die in der Kolumba-Ruine lebenden Tauben, 1994 aufgezeichnet von Bill Fontana. Sie klingen wie heute, denn nicht alles ändert sich. Die fromme, einfache Bildhaftigkeit der kleinen Andachtsbildchen ist uns heute fremd, vermag uns aber dennoch zu berühren, weil sie erzählen können. Davor verführerisch schimmernd die massiven Kupferkugeln von Roni Horn „When The How and The What Are The Same“, zu schön, zu wertvoll, um damit zu Spielen – sind auch sie vielleicht nur Spielzeuge des Gotteskindes? | Vereint im Spiel: In der mittleren Halle des 2. Obergeschosses steht ein Konstrukt aus Schläuchen und Lautsprechern. Zu hören sind Texte von Novalis, Fragmente über Raum, Ton und Zeit. Doch es ist nicht nur das Objekt von Bernhard Leitner selbst, sondern der Rahmen, den „Serpentinata“ den umgebenden Werken gibt. Akustisch natürlich, aber auch visuell. Denn für alles dahinterliegende bildet es einen Rahmen aus PVC-Schläuchen. Auch für das kleine Elfenbeinkruzifix (2. Hälfte 12. Jh.), das alleine an einer Wand hängt, nicht als Zeichen für den menschlichen Tod Christi, sondern für den darin liegenden Beginn seines neuen, anderen Lebens. Ein krasser Bruch? Nein, denn auch ästhetisch fügt sich in diesem Raum alles zu einer wunderbaren Harmonie aus Grau und Weiß, die auch das kleine Ölgemälde von Norbert Schwontkowski einschießt. „Flaute“ heißt sein Bild, das dem Kruzifix gegenüberhängt. Hier der entschlafene Christus, da werden die wartenden Segel zu Kreuzzeichen am Himmel. | Werke von 59 Künstlern zeigt die Ausstellung, die so reich an Bildern und Ideen, Farben und Glanz ist, dass man der intellektuellen Fülle mit einem Besuch kaum Herr werden kann. Man nehme sich also Zeit „playing by heart“ mit allen seinen Facetten zu genießen, die Spiritualität genau wie das Spielerisch-Komische, das Kuriose wie auch das Ästhetische. Denn, so deutet die Titelmetapher es an, die für ein ganzheitliches, kreatives und fürsorgliches Verhältnis zur Welt steht: es geht um eine Glückserfahrung, vergleichbar mit dem Empfinden eines Musikers, er sich sein Stück so angeeignet hat, dass er es auswendig spielen kann, der sich vom Papier losgelöst auf sein Herz verlässt.« (Uta Winterhager, Glückserfahrungen in Kolumba, www.koelnarchitektur.de, 10/2014)