01/23 Das Lesezimmer
Januar – August 2023
jeden zweiten Donnerstag im Monat, 17.30 – 19 Uhr:
Das LesezimmerDas Bedürfnis nach Diskussion und ihrer wichtigen Funktion entspringt nicht dem Wunsch oder der Sehnsucht, jemandes Ansicht zu einer Sache durchzusetzen (obgleich es nicht von der Hand zu weisen ist, dass viele Diskussionen aus genau diesem Grund stattfinden), sondern den Grenzen und der Unvollkommenheit der kreativen und insbesondere kognitiven Fähigkeiten des Einzelnen. Roman Ingarden, Ein paar Worte über eine fruchtbare Diskussion, 1961
Im Herzen von Kolumba befindet sich das Lesezimmer. Es ist ein Ort der Reflexion, der vertiefenden Lektüre, aber auch ein Ort des Austauschs und des Gesprächs. In dieser Veranstaltungsreihe nutzen wir es für eine informelle (Selbst-)Bildungsinitiative: Wir lesen monatlich ein Buch, einen Aufsatz oder einen Essay. Das Lesezimmer wird zum Ort, an dem wir uns treffen, um unsere Gedanken und Eindrücke zum Gelesenen auszutauschen und um Themen, die in der Ausstellung verhandelt werden, zu vertiefen. »Das Lesezimmer« findet immer am zweiten Donnerstag im Monat statt, jeweils von 17.30 bis 19 Uhr. Die Veranstaltung wird von unserem Gastkurator Andreas Speer (Professor für Philosophie an der Universität Köln) konzipiert und jeweils von wechselnden Gästen moderiert. Der Eintritt ist frei. Voraussetzung für die Teilnahme ist die Bereitschaft zur vorausgehenden Lektüre. Wenn Sie an einer Veranstaltung teilnehmen möchten, senden Sie bitte eine Mail an: mail@kolumba.de. Die Texte werden Ihnen dann als PDF zugemailt.
12. Januar 2023, 17.30 Uhr
Christan Feldbacher – Michael Köhlmeier: Wenn ich WIR sage. Über die Sprengkraft eines kleinen Wortes, 2019 (Ausschnitt)
9. Februar, 17.30 Uhr
Lars Reuke – Marshall Sahlins: The New Science of the Enchanted Universe. An Anthropology of Most of Humanity, 2022
9. März, 17.30 Uhr
André Grahle – Hannah Arendt: Wir Flüchtlinge, 1943
13. April, 17.30 Uhr
Thomas Jeschke – Thomas Morus: Utopia (Ausschnitt)
11. Mai 17.30 Uhr
Martin Zillinger – Michael Rothberg: Multidirektionale Erinnerung: Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung
22. Juni (!), 17.30 Uhr
Gabriella Cianciolo Consentino – Marc Augé: Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit (Ausschnitt)
Der
französische Ethnologe und Anthropologe Marc Augé (*1935) entwickelt in
seinem 1992 erschienenen Werk Orte und Nicht-Orte ein Bild einer
Gegenwart (Übermoderne), die durch „die Überfülle der Ereignisse, die
Überfülle des Raumes und die Individualisierung der Referenzen“ geprägt
ist. Er beschreibt das Phänomen der Nicht-Orte, denen Identität,
Relation und Geschichte fehlen. Sie bezeichnen einen Zustand der
Durchreise und werden unter anderem durch Worte und Texte definiert,
„die in Vorschriften (»rechts einordnen«), Verboten (»Rauchen verboten«)
oder Informationen (»Herzlich willkommen im Beaujolais«) zum Ausdruck
kommen“. Augé konstatiert eine zunehmende Orientierungslosigkeit, die
daraus resultiert, dass Ziele wegen fehlender Standorte immer weniger zu
definieren sind. Zusammen mit der Architekturhistorikerin Gabriella
Cianciolo Cosentino lesen wir das letzte Kapitel von Orte und
Nicht-Orte.
10. August, 17.30 Uhr
Andreas Speer – Judith Butler: Gewaltlosigkeit, Betrauerbarkeit und die Kritik des Individualismus
Andreas Speer – Judith Butler: Gewaltlosigkeit, Betrauerbarkeit und die Kritik des Individualismus
Judith Butlers Plädoyer für Gewaltlosigkeit wirkt auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen und ist doch auf bestürzende Weise aktuell. Denn Butler verschließt nicht die Augen vor der Wirklichkeit. Argumente für Gewaltlosigkeit setzen vielmehr Klarheit darüber voraus, wie Gewalt vorgestellt und in einem Feld diskursiver, gesellschaftlicher und staatlicher Macht zugeschrieben wird. Die Wurzel aller Gewalt sieht Butler in der Ungleichheit, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens betrifft. Zum Ernstfall wird die Betrauerbarkeit. Ein Leben muss betrauerbar sein, sein Verlust muss als Verlust benennbar sein. Eine Ethik der Gewaltlosigkeit setzt eine Ethik der Betrauerbarkeit voraus. Zusammen mit dem Philosophen Andreas Speer lesen wir das erste Kapitel aus Die Macht der Gewaltlosigkeit.